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Montag, 15. April 2019

Sonne. Wein. Ostern.

Der große italienische Dichter des Mittelalter, Dante Alighieri, schrieb einst, "Vom Urbeginn der Schöpfung ist dem Wein eine Kraft beigegeben, um den schattigen Weg der Wahrheit zu erhellen." Der 580 vor Christus verstorbene alexandrinische Lyriker Alkaios schrieb es direkter: "In vino veritas!" - Im Wein liegt Wahrheit. Vielleicht hat dies den französischen Journalisten und Schriftsteller Claude Tillier im frühen 19. Jahrhundert zu der Aussage - Essen ist ein Bedürfnis des Magens, Trinken ein Bedürfnis des Geistes - inspiriert. Übrigens, von Tacitus wissen wir, dass die alten Germanen bei Ratssitzungen immer Wein tranken. Sie glaubten schlicht, Betrunkene könnten nicht lügen. 

Welchen Wein sie tranken, verrät uns Tacitus nicht.  Allerdings können wir vermuten, dass die Rheingauer bei ihren Versammlungen seit dem frühen Mittelalter auf der Lützelaue bei Winkel insbesondere Weine aus eben jenem Ort zu sich nahmen. Die Lützelaue - ob Insel im Rhein oder 'nur' Landzunge (die Forscher und Historiker sind sich seit Jahrhunderten nicht einig) - war nicht nur Ort der Huldigung an den Mainzer Erzbischof, hier erneuerten die Landesfürsten auch die Rheingauer Freiheitsrechte. 

Die Villa Gutenberg liegt nicht weit von der Lützelaue. Ein traditionsreiches Winkeler Familienweingut. Richard Nägler jun. ist ein bodenständiger Winzer. Seine Weine sind hochwertige, dezente und zugleich kraftvolle Botschafter des Rheingaus. Weine voller Persönlichkeit, die mit viel Leidenschaft, Geduld und Respekt vor der Natur ausgebaut werden. Trinkbare Heimat!

Jetzt zu Beginn der Karwoche war es langsam Zeit, um sich nach innerlicher, seelischer Reinigung und Kasteiung mit der Weinfrage an Ostern zu beschäftigen. Das Wetter - so die Prognosen - soll sehr ansprechend werden. Ich habe mich daher (auch für meine Gäste) für eine feine Auswahl der Weine von Richard Nägler entschieden. Starke Rotweine - u. a. aus dem Höllenberg, ein wundervoller Kabinett aus dem Rüdesheimer Magdalenenkreuz und ein ausgezeichneter 2018er Sauvignon Blanc. Gespannt bin ich ganz besonders auf den 18er Gewürztraminer.

Johann Wolfgang von Goethe, der oft in Winkel weilte, schrieb in den letzten Zeilen seines Gedichts Osterspaziergang:

"Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Ich freue mich drauf. Frohe Osterzeit!

Mehr Infos über die Weine des Weinguts ist unter www.villa-gutenberg.de zu erfahren.


Mittwoch, 7. März 2018

Kladderadatsch

Toni Sender aus Biebrich
Die politische Demokratie befindet sich in akuter Gefahr, wenn sie nicht von der Wirklichkeit sozialer Gerechtigkeit begleitet wird.“ Treffender könnte die aktuelle Lage nicht beschrieben werden, doch stammt dieser Satz von Sidonie Zippora Sender, die vor knapp 130 Jahren in Biebrich geboren wurde. Manch einem ist sie besser als Toni oder Tony Sender bekannt. Sie gehörte von 1920 bis 1933 dem Reichstag an. Eine Flucht in die USA war in der Nazi-Diktatur unausweichlich. Dort starb sie 1964. Sie war eine leidenschaftliche Kämpferin für die Demokratie. Mit Begeisterung und unbändigem Elan warb sie für die Ideale der Freiheit und die Würde des Menschen. Verschiedentlich wird ihr gedacht – Einrichtungen tragen ihren Namen, die Stadt Frankfurt vergibt den Tony-Sender-Preis und eine Akademie der SPD hat sie als Namensträgerin auserkoren. Es wäre vermessen von mir, erahnen zu wollen, wie sie der heutigen SPD die Leviten lesen würde. Also, lassen wir es. Eine Rückkehr nach Deutschland schied für sie aus - „Zu viele Menschen haben zugeschaut, als dort Niedertracht herrschte.“ 
Die Würde des Menschen – selbst im 21. Jahrhundert scheint noch nicht allen klar zu sein, Menschen sind nicht nur Männer. Und die Würde ist unantastbar, so will es unser Grundgesetz. Jeder Mensch – gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, welcher Religion, welcher Rasse – ist nach dem Willen unserer Verfassungsväter und -mütter geschützt vor „Erniedrigung, Brandmarkung, Verfolgung, Ächtung und ähnlichen Handlungen durch Dritte oder den Staat selbst“, wie das Bundesverfassungsgericht u. a. am 15. Februar 2006 entschieden hat. Mehr noch, „... zum Wesen des Menschen gehört, in Freiheit sich selbst zu bestimmen und sich frei zu entfalten, ...“. Schwierige Sätze für z. B. Religionsgemeinschaften (komisch, dass hier immer noch keine Konkordate gekündigt wurden) oder auch den DFB – gut, immerhin erhalten die Nationalspielerinnen mittlerweile einen ordentlichen Geldbetrag nach dem Gewinn eines internationalen Wettbewerbs. Das war 1989 nach dem Gewinn der Europameisterschaft mit der überragenden Marion Isbert noch anders. Da bekam jede Spielerin als Siegprämie ein Kaffeeservice; zweite Wahl versteht sich. Wie wohl die männlichen Weltmeister 1990 auf eine solche Prämie reagiert hätten?
Es hat sich viel getan. Gut so. Ein weiter Weg. Vom Frauenwahlrecht 1919 (die nordischen Länder waren da schneller – dafür hat halt Norwegen 1989 das Finale gegen unsere Fußballerinnen verloren) über die Abschaffung der Zustimmung zur Kontoeröffnung oder des Abschlusses eines Arbeitsvertrages bis zur Übernahme von Führungspositionen und der nahezu unendlichen Amtszeit einer Kanzlerin. Angela Merkel war in den 90igern einmal Ministerin für Frauen und Jugend. Dieses Ministerium hieß in der jungen Bundesrepublik Ministerium für Familienfragen. Und der erste Minister, Franz-Josef Wuermeling, begriff sein Ministerium noch als „Abwehrinstanz“ gegen die Gleichberechtigung der Frau. Gerade mal 60 Jahre her.
Die große Marianne Adelaide Hedwig Dohm (1831 – 1919) würde im Grab rotieren. Eine begnadete Schriftstellerin und Autorin. Ihr Mann Ernst Dohm war einer der ersten Redakteure und Chefredakteur der 1848 gegründeten Satirezeitschrift Kladderadatsch. Ihn gilt es in anderem Zusammenhang ausgiebig zu würdigen. Aber, es passt hier durchaus der abgenutzte Spruch auch umgekehrt: Hinter jeder erfolgreichen Frau steht oft auch ein Mann, der sie stützt. Damals noch wichtiger als heute. Immerhin benennen wir mittlerweile einen modernen ICE nach ihr. Hedwig Dohm forderte bereits 1873 das Frauenwahlrecht, und formulierte so eindringlich: Die Menschenrechte haben kein Geschlecht .“ Sie war für ihre Zeit ziemlich radikal, keine Frage. Ein Zitat von ihr klingt nach einem Lebensmotto: „Glaube nicht, es muß so sein, weil es so ist und immer so war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten.“ Es ist Zeit für Veränderungen.
Dabei ging es ihr nicht nur um Frauenrechte. Im 21. Jahrhundert sind wir immer noch dabei, Menschen gegeneinander auszuspielen – Junge gegen Alte, Gesunde gegen Kranke, Frauen gegen Männer, Deutsche gegen Ausländer, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Es braucht mehr Würde und Anstand im Umgang miteinander. Aktuell gerade auch in den Sozialen Medien. Die Form der schnellen Beleidigung und Herabsetzung ist mehr als besorgniserregend.
Vielleicht hilft da der 08. März. Brauchen wir ihn? Alice Schwarzer hat schon 2010 für eine Abschaffung plädiert. Ich weiß nicht. Das Datum selbst geht ja auf den Streik der Frauen in Petersburg 1917 zurück, auch wenn Clara Zetkin schon vor dem 1. Weltkrieg in Berlin entsprechende Veranstaltungen organisiert hatte. Unerschütterlich hält sich der Mythos vom Streik der Textilarbeiterinnen 1857 (das Geburtsjahr von Zetkin) in New York. Sei es drum.
Heute geht es um mehr – weltweit erleben wir immer noch eine ungeheuerliche Missachtung von Menschen, Übergriffe der übelsten Art. Und es gibt noch viel zu tun, wenn man sich vor Augen führt, dass es tatsächlich auch Armut in Deutschland (und nicht nur ein Armutsrisiko) gibt, in vielen Ländern Millionen von Mädchen zu Eheschließungen gezwungen werden, unendlich viele Menschen weiterhin keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, weltweit in 2016 über 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und humanitären Katastrophen waren. Es sind nur Beispiele, Schlaglichter der Gegenwart. Und dabei habe ich noch gar nicht über die alltäglichen, irgendwie vermeintlich kleinen und doch nachhaltigen Würdelosigkeiten, die Achtlosigkeiten und Respektlosigkeiten, denen wir alle mehr oder weniger Tag für Tag immer wieder begegnen (und sie vielleicht auch selbst begehen), geschrieben.
Die großen Frauenrechtlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts waren immer auch Freiheitskämpferinnen. Im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern hatten sie aber stets die schwierigere, schlechtere Ausgangsposition. Ihr Einsatz, ihr Mut und ihre Visionen für Rechte, die uns selbstverständlich sein sollten, verdienen daher immer wieder besonderer Beachtung und Würdigung. Sie wussten aber auch, Freiheit, Demokratie und Gleichheit braucht soziale Gerechtigkeit. Was für eine wunderbare Aufgabe gerade auch für unsere neue Bundesregierung. Und dabei geht es, bei allem Respekt, nicht um Sprache oder gar einzelne Worte, es geht um Taten!




Bildnachweis: Von unbekannt - Büro des Reichstags (Hg.): Reichstags-Handbuch 1928, IV. Wahlperiode, Verlag der Reichsdruckerei, Berlin 1928.

Freitag, 28. Juli 2017

Drei Weine für Trump, Erdogan und Putin

Sind wir noch im Sommerloch? Die Autobauer haben ein Kartell gebildet. Das ist ja mal eine ganz neue Erkenntnis und Geschichte. Früher, ja früher, da gab es wenigstens noch richtige Sommerloch-Themen. Mallorca als 12. oder 17. Bundesland, 5,00 Euro für den Sprit, Gammelfleisch – oh, Verzeihung, Gammelfleischskandale gab es eher immer im Winter, da wird ja auch nicht gegrillt. Aber, selbst die Straßenschlachten beim G20-Gipfel eignen sich scheinbar nicht für ein fortwährendes Thema im Sommer, von den Beschlüssen der 20 Mächtigen dieser Welt ganz zu schweigen.

Nähern wir uns doch einfach wieder unseren Lieblingsfeinden: Trump, Erdogan, Putin und Konsorten. Gerade an Trump und Erdogan arbeiten sich die Deutschen Medien ja regelrecht ab, beim SPIEGEL muss es ein eigenes 24-Stunden-Trump-Einsatzteam geben. Da fällt mir doch ein Zitat von Mark Twain aus seinem Buch 'Bummel durch Deutschland' ein: „Meiner Ansicht nach stiftet eine deutsche Zeitung keinen nennenswerten Nutzen, allerdings richtet sie auch keinen Schaden an. Das ist ein sehr großes Verdienst und sollte nicht als unbedeutend erachtet werden.“

Die drei Staaten- und vermeintlichen Weltenlenker trinken wahrscheinlich gar keinen Alkohol, machen schoppenfreie Politik. Dies wäre den Friedensnobelpreisträgern Churchill und Brandt nie passiert. Und unser erster Bundespräsident Theodor Heuss hätte solche Politdarsteller gar nicht erst empfangen. Bruno Kreisky hingegen hätte sie noch nicht einmal ignoriert. Wunschdenken im verregneten Sommerloch. Bestimmt. In der Politik darf der Gesprächsfaden nie abreißen. Wichtig!

Also, was machen wir mit den drei Kameraden? Ich empfehle ihnen einfach drei Weine. Natürlich beginne ich mit dem Präsidenten einer ehemaligen britischen Kolonie, Donald Trump. Er hat ja jetzt einen neuen Kommunikationsdirektor, Anthony Scaramucci. Jener hat erst kürzlich, damit er eine Regierungsaufgabe übernehmen kann, sein Unternehmen verkauft. An Chinesen. America first! Darauf muss man erst einmal kommen.

Empfehlen möchte ich den beiden für ein Briefing einen Rheingauer Wein. Der 3. Präsident und Autor der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, war ein bekennender Freund Rheingauer Weine. Wie Trump hatte auch Jefferson deutsche Wurzeln. Warum Jefferson am Mount Rushmore verewigt ist, darüber könnte der amtierende US-Präsident vielleicht einmal bei einem 2015er Hochheimer Königin Victoriaberg Riesling Trockenbeerenauslese VDP.Grosse Lage aus dem Weingut Flick in Wicker nachdenken. Fürwahr, ein Jahrhundert-Wein, mit großer Aromenvielfalt, edler Süße. zugleich doch noch irgendwie verschlossen, mit geradezu majestätischer Substanz. Ein Wein der noch in Jahrzehnten seine positive Wirkung nicht verfehlt. Der Weinberg ist eine Monopollage, benannt nach Queen Victoria, die hier mit ihrem Gatten 1845 weilte. Der deutsche Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha hatte nicht nur die Organisation der ersten Weltausstellung 1851 in London übernommen, er ist auch für seine Sorge um die Arbeiterschaft bekannt. Brandsichere Arbeiterwohnungen mit Wasserleitungen und Toiletten wurden auf seine Initiative hin errichtet – der geneigte Leser schmunzelt, damals geradezu eine soziale Revolution.

Kommen wir zu meinem speziellen Freund, Recep Tayyip Erdoğan. Ihm empfehle ich einen Wein aus dem Weingut Bibo-Runge:
2015er Rheingau Riesling Revoluzzer trocken
Der Wein, in Ruhe im Halbstück gereift, präsentiert sich mit intensiven Aromen, frisch und zugleich mit einem wunderbaren Säurespiel, voller Kraft und doch dezent. Langlebig! Das noch junge Weingut sitzt in Hallgarten. Hier lebte und wirkte Adam von Itzstein (1775 – 1855), der „Vertreter der Volksrechte“. In Mainz studierte er zusammen mit seinem späteren Gegner Klemens Wenzel von Metternich. Itzstein kämpfte für Bürgerrechte und Demokratie. Engagiert beim Hambacher Fest, mutig in Baden, lenkend in der Nationalversammlung und immer ausgleichend, bezeichnet ihn Metternich als ersten „eigentlich praktischen Radikalen.“ 1838 formuliert Adam von Itzstein einen noch heute gültigen Satz zur Pressefreiheit: „Ohne Preßfreiheit giebt es gar keinen wahren Staat, sondern bloß einen großen Volkskerker, den einzelne Bevorrechtigte nach Belieben öffnen und schließen können.“
 
Wie komme ich jetzt auf Wladimir Wladimirowitsch Putin? Dem russischen Fürsten würde ich einen 2012er JUWEL Spätburgunder QbA trocken aus der Krone in Assmannshausen einschenken. Gewachsen auf Burgunderreben in den Lagen Höllenberg und Frankenthal. Beeindruckend und voller Eleganz, samtig und seidig, man riecht und schmeckt Waldfrüchte, Nüsse, Kakao, Nougat, Schokolade und Bourbon Vanille. Ein echtes Kraftpaket. Das Hotel Krone in Assmannshausen ist eine traditionsreiche Adresse. Seit 1541. Kaiser, Könige und große Staatsmänner kehrten hier ein. Lange weilte auch der Freiheitsdichter Hermann Ferdinand Freiligrath (1810 – 1876) im Haus. Ein Zimmer erinnert noch heute an ihn. In seinem Gedicht „Trotz alledem!“ heißt es:

Die Waffen, die der Sieg uns gab,
Der Sieg des Rechts trotz alledem,
Die nimmt man sacht uns wieder ab.“

Und an anderer Stelle:

Wir wissen doch: die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!“

Ich gebe es zu, mit den genannten Potentaten unserer Zeit möchte ich gar keinen Wein trinken. Sie haben keine Ahnung von Klasse und Stil.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Aus Lanzen werden Winzermesser

Kennen Sie Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch? Wahrscheinlich nicht. Seinen Werken ist der eine oder andere schon begegnet – möglicherweise im Treptower Park in Berlin oder im Park neben dem UNO-Hauptquartier in New York. Vielleicht sein berühmtestes Werk – Schwerter zu Pflugscharen. Ein Heros schmiedet aus einem Schwert einen Pflug. Sozialistischer Realismus mitten in den USA. Irgendwie spannend und aktuell. Steht dort seit dem 04. Dezember 1959. Die Russen hatten weniger die Bibelstellen bei Jesaja oder Micha im Sinn. Sie wollten einen sichtbaren Beitrag zur UN-Friedenscharta leisten.

Der bedeutende Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer entwickelte daraus im Herbst 1983 im Lutherhof zu Wittenberg eine sehr symbolträchtige Aktion: Ein Handwerker schmiedete vor viertausend Teilnehmern des Kirchentages aus einem Schwert einen Pflug. „Schwerter zu Pflugscharen“ - das Symbol und Motto der Friedensbewegung. Nun werden Russen und später die vielen Friedensaktivisten nicht immer den biblischen Kontext bei ihren Aktionen vor Augen gehabt haben. Wahrscheinlich sogar eher seltener. Heißt es doch bei Jesaja (2,4) schon vor mehr als 2700 (!) Jahren:
Er spricht Recht im Streit der Völker,
er weist viele Nationen zurecht.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern
und Winzermesser aus ihren Lanzen.
Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“

Aus Lanzen werden Winzermesser. Was für eine schöne Vorstellung. Jetzt sind Winzer ja eh nicht so die kriegerischen Kämpen. Meist sind es filigrane Charaktere oder komplexe Typen, wie ihre Weine. Ihre Heimat- und Bodenverbundenheit verleiht ihnen ein gerüttelt Maß an Geduld. Unvergessen die nette Anekdote über die Rheingauer Winzer, die sich bei der 'Revolution' gegen den Herzog von Nassau 1847 verspäteten, weil sie auf ihrem Weg von Lorch bis Wiesbaden unterwegs in jedem Ort von der Bürgerschaft hinreichend mit Wein versorgt wurden. So kam die Rheingauer Abordnung eben 'dreivertels besoffe' zu spät. Ganz anders die Mosel-Winzer. Nahezu 2000 Winzer stürmten am 25. Februar 1926 das Finanzamt in Bernkastel-Kues. Auch eine nette Vorstellung. Ihnen blieb aber damals kaum eine andere Wahl, ihre Existenz stand auf dem Spiel – schwierige Weinjahre, enorme Verschuldung der Winzerfamilien und eine exorbitant hohe Weinsteuer. Aus Frankreich kennen wir ähnliche 'Aufstände' in den Jahren 1907 im Languedoc und 1911 in der Champagne.

Winzer und Winzerinnen haben in unserer Zeit oft andere Kämpfe zu führen. Natürlich auch immer wieder mit viel Bürokratie. Und mit schwierigen Witterungsverhältnissen. Heute ist der Gedenktag der Heiligen Margareta (in der Ostkirche Marina), eine der vierzehn Nothelfer. Der Legende nach eine große Kämpferin für den Glauben im frühen Christentum. Patronin der Bauern. In der katholischen Pfarrkirche in Erbach im Rheingau ist eine wundervolle Skulptur der Heiligen zu sehen. Das Wetter am 20. Juli lässt – nach den Bauernregeln – auf die Ernte schließen. Warten wir es ab. Im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Zeitgeist liegen jedoch aktuell die größten Herausforderungen der Weingüter. Das kann gelingen.

Beispiele? Gerne – heute mal ohne Riesling:

Markus Boor aus Traben-Trarbach – Kirchengut Wolfwww.kirchengut-wolf.de
Schöner Trinkgenuss: 2016 Weißburgunder trocken

Alexander Jung aus Erbach – Weingut Jakob Jungwww.weingut-jakob-jung.de
Mag ich: Jung Chardonnay "unoaked" trocken 2015

Michel Andres und Steffen Mugler aus Ruppertsberg – Sektkellerei Andres + Mugler
Macht Spaß: 2013er Cuvée Louis Brut

Sonntag, 30. April 2017

Es ist doch nur Politik!

Überall nur noch alternde Halbstarke, Muskelspiele, Hinterhof-Rhetorik. Von Nord-korea bis Washington, von Israel bis Berlin - ein stetiger Wechsel zwischen seichtem Polittheater und weltpolitischem Rugby. Krisenherde werden gepflegt, aus Ressen-timents wachsen aggressive Konflikte, Staatenlenker gerieren sich als Revier-Häuptlinge, die der Psychoanalyse große Freude bereiten würden.

Die Welt ist ein großer Sandkasten. Gerade werden die Förmchen und Schippchen mal wieder neu verteilt, darf nicht jeder mitspielen und wollen alle irgendwie Bob, der Baumeister, sein. Dabei ist den Akteuren ziemlich bewusst, was sie tun.

Vermeintlich lässt sich nationale Identität nur mit Ab- und Ausgrenzung bewahren. Machtdemonstrationen, von den einen bejubelt, von anderen gefürchtet, sind die Folge. Verbale Attacken, Stellvertreterkriege, Verfolgung, Verhaftung und Zerstörung - die Würde der Menschheit wird mit Füßen getreten. Ja, die Würde jedes einzelnen Menschen speist sich aus der Würde für alle Menschen. Und selbst im Alltag, gerade in den Sozialen Medien, macht sich eine Herabwürdigung Andersdenkender, Minder-heiten, Fremder und Schwacher breit, die mich mit Angst erfüllt. Die vielbeschworene Kinderstube, Anstand und Respekt gelten offensichtlich nur für die Angreifenden.

Dabei sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder - für die, die es nicht so revolutiönar mögen - Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung die Basis für Bürger- und Staatsverantwortung. Ernster Stoff - zu wichtig, um diese Welt Egomanen zu überlassen! Es braucht mehr aktive Empörung aller. Darüber lohnt sich nachzudenken, beim Gang zu den Kundgebungen am 1. Mai.


Mittwoch, 29. März 2017

You'll never walk alone. Wir bleiben Freunde!

Es ist verbrieft. Das Unvermeidbare nimmt Gestalt an. Great Britain und
Little Europe trennen sich. Nun heißt es Abschied nehmen. Die
Trennungsjahre haben begonnen. Es wird eine tränenreiche Scheidung. Auf
beiden Seiten. Dabei mögen wir uns doch. Eigentlich.

Ihr seid so liebenswert mit Euren Traditionen und Eurer großen
Geschichte, Eurem Rechtsverständnis und dem lebhaften Parlament, den
außergewöhnlichen Schriftstellern, Schauspielern und Musikern, Eurer
leicht versnobten Art und Euren spleenigen Lords, der grandiosen
Landschaft, den schnuckeligen Pubs und natürlich mit Eurem Königshaus. Was wären
Arzt- und Friseurbesuche so unendlich langweilig, wenn wir nicht an
jedem Husten bei Königs Anteil nehmen könnten. Wir sind uns verbunden.
Immer schon. Und werden es auch bleiben.

Ihr mögt doch unseren Wein. Immerhin. Das ist doch eine Basis. Gut, Ihr
habt in 2015 nur noch 139.000 hl Wein aus Deutschland importiert (das
entspricht der gesamten Weinproduktion von Ahr, Bergstraße, Mittelrhein
und Sachsen). A good Hock keeps off the doc! Wir wissen um Eure Liebe
zum Riesling. Und wie sagt Hugh Johnson: „Weintrinker sehen gut aus,
sind intelligent, sexy und gesund.“ Recht hat er!

Winston Churchill

Wein ist Freiheit! William Shakespeare, Francis Bacon, Johann Wolfgang
von Goethe, Peter Ustinov und viele andere wussten und lebten es. Wein
verbindet. Immer. A friend in need is a friend indeed. So war es in den
letzten 70 Jahren. So kann und soll es bleiben.

Den Diplomaten und Verhandlern in Brüssel und London sei ein Zitat
Winston Churchills mit auf den Weg gegeben: „Wenn die Gegenwart über die
Vergangenheit zu Gericht zu sitzen versucht, wird sie die Zukunft
verlieren.“ Trinkt Wein! Getreu dem Motto Goethes: „Für Sorgen sorgt
das liebe Leben. Und Sorgenbrecher sind die Reben.“ To your health!

Montag, 7. November 2016

Jetzt mal ehrlich: Wer hat Luthers Hammer?

In Mainz steht einer der ältesten und wohl schönsten Brunnen der Renaissance. Gestiftet 1526 von Kurfürst Albrecht von Brandenburg, ein großer Kunstmäzen und Renaissancefürst. Drei Bistümer nannte er sein eigen. Kostspielig. Politisch mächtig, aber mittellos. Das Mainzer Domkapitel wählte ihn zum Mainzer Bischof. Aus strategischen und taktischen Gründen. Ihn selbst darf man getrost als Pfründenjäger bezeichnen. So etwas kennen wir heute nur noch beim IOC und der FIFA. Die für die Ernennung durch den Papst notwendigen Palliengelder hatte er nicht. Seine Heiligkeit Papst Leo X., ein Medici, gestattete ihm zur Zahlung die Durchführung eines Ablasses - „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Und das alles zur Finanzierung des Peterdoms in Rom.


Dank Geld in den Himmel – wie konnte Luther das nur kritisieren?

Ein geniales Geschäftsmodell: Erst erklärt man den Menschen ausgiebig ihre Verwerflichkeit. Dafür müsse man in die Hölle, auf jeden Fall ins Fegefeuer. Es gibt nur einen Weg der Erlösung – eine Ablassurkunde. Man setzte einfach eine Lesefähigkeit des Teufels voraus. Mit so einer Urkunde konnte man sich selbst oder bereits Verstorbene vor der ewigen Verdammnis bewahren. Klasse! Man zahlt, erhält Urkunde – fertig fürs Himmelreich. Barzahlung, keine Reklamation möglich. Alle glücklich und zufrieden. Und so etwas kritisiert Martin Luther. Spielverderber!

Ich mag Luther. Daher glaube ich, er hat den Disput, nicht die Provokation gesucht. Bestimmt hat Luther, ein Professor, gar nicht 1517 in Wittenberg gehämmert. Da waren seine Oberen von ganz anderem Kaliber. Bischöfe, ja sogar Päpste haben mit Schwertern mächtig in Schlachten sich gegenseitig den wahren Glauben um die Ohren gehauen. Jahrhundertelang haben sich Christen untereinander, Christen gegen Juden, Christen gegen Moslems, Moslems gegen Moslems, Moslems gegen Juden – einfach alle immer wieder – im Namen des einen, richtigen unendlichen Gottes bekriegt. Töten im Namen des lebensspendenden Gottes. Unsere Päpste und Bischöfe waren da immer ganz vorne dabei. Immer für den rechten Glauben kämpfen. Und als Luther ihn gefunden zu haben glaubte, war er schon wieder ungläubig. Dafür zahlen wir heute Kirchensteuern, die wiederum Papst Benedikt XVI., kein zwingender Freund der Protestanten, 2011 in Freiburg massiv kritisierte. Vielleicht wäre die Frage der Kirchensteuer eine 96. These geworden... .

96. These? Wider der Kirchensteuer?

War es der Hammer eines Zimmermanns?
Ja, Luther war und ist wichtig. Als Katholik, auch noch römischer, ist mir eben diese gesamte römische Cesarennachbildung in jedem katholischen Gottesdienst höchst unangenehm. Nicht nur mit Weihrauch wird hier vernebelt, bestimmt, gelenkt. Gerade die katholische Kirche ist eine echte Verbotskirche! Da freue ich mich ganz besonders über zwei Lieder im evangelischen Gesangbuch; alleine für diese hat sich die Reformation schon gelohnt. Klar und deutlich, der Kern unseres christlichen Glaubens und meiner ganz persönlichen Hoffnung:

1. Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand (Nr. 533)
2. Ein' feste Burg ist unser Gott (Nr. 362)

Eine Legende will es, dass Martin Luther das Lied 'Ein' feste Burg ist unser Gott' erdichtete, als er auf dem Weg nach Worms am 15. April 1521 Station in Oppenheim machte, und von seinem Zimmer den Blick auf die mächtige Burg Landskron hatte.

Ausgerechnet in Worms, wo Martin von Tours (der 1200 Jahre vor dem Thesenanschlag geboren wurde) wenige Meter entfernt vom Versammlungssaal der Reichsfürsten eingekerkert gewesen sein soll, weil er Soldat Christi sein wollte und nicht mehr Offizier des römischen Kaisers. Ausgerechnet hier, wo eine bedeutende Papstwahl stattfand, wo ein anderer Papst aufwuchs, und strenggläubige Juden ihren großen Gelehrten Raschi verehren, da erklärt sich Martin Luther. Mit einem Satz, den er wahrscheinlich gar nicht gesagt hat, aber, er passt.

Wer hat Luthers Hammer?

Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!", soll Luther gesagt haben. Legende, wie wir heute wissen. Legende ist auch der Thesenanschlag. Die Wissenschaft ist sich heute einig, er hat die Thesen nicht angeschlagen. Er hat einen regen Briefverkehr mit vielen namhaften Gelehrten und Geistlichen jener Zeit geführt.

Und doch ist er auch Opfer politischer Intrigen geworden. Das wichtige und ernsthafte Anliegen Luthers wurde zum Gegenstand kriegerischer und machtpolitischer Auseinandersetzungen. Verbrannte Erde – getötete Menschen. Immer wieder für Macht, Geld, Einfluss. Jedes Mittel war okay. Verleumden, Aushungern, Zerstören, Morden. Im Namen Gottes.

Die Mainzer bezeichnen den Marktbrunnen als 'warnende Spende' des Kurfürsten. Nach den Bauernkriegen wurde den Bürgern der Stadt die kurfürstliche Macht und Herrschaft mit diesem kunstvollen Geschenk vor Augen geführt. Gönnerhaft. 500 Jahre später inszenieren kirchliche Würdenträger aller Konfessionen noch immer. Die Kirchensteuer macht es möglich.

Martin Luther würde dafür deftige Formulierungen finden. Und mit dem Hammer kräftig reinhauen.


Dienstag, 25. Oktober 2016

Die Buchmesse vorbei, die Trauben gelesen, Europa gescheitert – wieder einmal

Wäre ich dem freundlichen Lächeln der Hostessen auf der Buchmesse gefolgt, so hätte ich mindestens ein Dutzend weiterer Tageszeitungen und Zeitschriften abonniert. Da war ganz schön was los auf der Buchmesse. Mehr als 7100 Aussteller, unendlich viele Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, Kataloge und Kalender; überbordende Informationen in Dutzenden von Sprachen aus aller Welt. Es ist ein Allgemeinplatz: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten so unendlich viele Menschen freien Zugang zu Informationen und Wissen wie heute. Und doch überfordert uns die Informationsgesellschaft, lädt ebendiese zu Verschwörungstheorien aller Art ein. Nicht Fakten, Meinungen zählen. Ein postfaktisches Zeitalter. Wir könnten so unendlich viel wissen, und doch wollen wir nur glauben, was wir vermeintlich wissen.

Vom „Ewigheutigen“ spricht Safranski. Wir kommunizieren in die Breite, nicht in die Tiefe. Dank Twitter und Facebook wissen wir oft, was Menschen denken bevor sie nachgedacht haben. Abwägen und Überlegen, „die Blickrichtung zu ändern“ wie Carolin Emcke fordert, scheint für viele Menschen eine Zumutung zu sein. Übrigens, ich freue mich über den Friedenspreis für sie.

Erntezeit

Es ist Herbst. Erntezeit. Und auch Verlage wollen 'ernten'. Volle Auftragsbücher für sie, interessante Angebote im Buchhandel für uns, neue Verträge für Autoren. Alle bereiten sich auf den Winter und das nächste Jahr, das Jahr der Reformation, vor. Klar, viele kirchliche Medien präsentierten sich gerade deshalb auf der Buchmesse.

In Landwirtschaft und Weinbau war und ist ebenfalls Erntezeit. Von geistigen zu kulinarischen Genüssen. Bei den vielen Kochbüchern auf der Buchmesse und den wirkungsvollen Kochshows müsste man sich sicher keine Sorgen mehr um unsere Ernährung machen. Wieso kommt mir dieser simple Spruch 'Die Menschen kaufen sich einen Grill für 800 Euro und legen 10 Bratwürste für 99 Cent drauf' in den Sinn? Egal!

Es war ein schwieriges Jahr für Bauern und Winzer. Achtung, eine solche Aussage bedeutet Preiserhöhungen im nächsten Jahr. Gerade die Winzer konnten aber in den letzten Tagen noch hohe Qualitäten ernten. Mehr als ärgerlich, wenn einem Winzer dann, wie im Rheingau geschehen, die Trauben am Stock geklaut werden. Für die Familie Russler in Walluf nicht nur ein finanzieller Verlust von mehr als 10.000,-- Euro. Kraft und Mühen letztlich umsonst. Es geht auch um beste Weinqualitäten, die man einfach nicht mehr auf den Markt bringen kann.

Dabei müssen die Räuber sehr professionell in der Steillage am Werk gewesen sein. 10 Erntehelfer brauchen wenigstens drei bis vier Stunden für die Rebzeilen. Ein Versehen? Bestimmt nicht. Gut organisierter Diebstahl. Darth Vader war auf der Buchmesse – wieder einmal. Raum für Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheoretiker lasst mich in Ruhe!

Für alles und jedes gibt es ja heute eine Verschwörungstheorie. Beliebt sind gerade diese, die unsere Demokratie betreffen, die Europa in Frage stellen. Dabei war die Welt so einfach, als es zwei Blöcke gab. Dort der böse Osten, hier der gute Westen. Ist nicht mehr. Jetzt wird überall Manipulation vermutet. Vielleicht manipulieren sich die Verschwörungstheoretiker auch einfach nur selbst.

Europa hat es eben nicht leicht. Misstrauen, nationale und regionale Interessen, Angst vor Neuem und Unbekanntem. Möglicherweise sind unsere politischen Strukturen nicht zeitgemäß, sind Politik, Verwaltung, wir alle einfach überfordert. Erst Griechenland, dann Flüchtlingskrise, jetzt CETA – es ist verdammt schwierig für unseren Wohlstand einen gesellschaftlichen Konsens zu erzielen. Carolin Emcke formuliert es treffend in ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: „Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheit und Kritik.“

Und nun auch noch die Reichsbürger. Ich habe mir mal das Reichsbürgergesetz von 1935 angeschaut. Nein! Keine Option für Deutschland. Was macht Deutschland aus? Preußische Tugenden, rheinische Lebensart und bayrische Kost? Vielleicht. Deutschland ist aber mehr. Hrabanus Maurus und Bonifatius gehören dazu, Luther und viele andere. Denken wir doch Deutschland und Europa karolingisch. Und wenn man alles zu Ende denkt, dann sind wir alle vielleicht auch ein klein wenig Römer. Gut, dass Ingo Zamperoni die Tagesthemen moderiert.

Mittwoch, 29. Juli 2015

Kennen Sie Voltaire?


Klar, der hat doch den kategorischen Imperativ geformt: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Der ist zwar von Immanuel Kant, dieser Tage aber sicher mehr als beachtenswert.

Hier war es in letzter Zeit sehr still. Ich habe wenig geschrieben. Mein eigener Anspruch macht mich zuweilen wort- und der Alltag sprachlos. Was haben wir vor der Sommerpause für ein Gipfeltheater gehabt. Hier ein Gipfel, da ein Sondergipfel und dann ein nächtlicher Gipfel. Europa wird fragwürdig. Erst geht es um 7 Milliarden, jetzt wird über 86 Milliarden verhandelt. Verhandelt! Dafür so unendlich viele Gipfel vorher… Nebenbei kann man sich nicht über die Unterbringung von 60.000 Flüchtlingen im christlichen Abendland einigen. Und in Deutschland: Der Bundestag beschließt immer mehr Gesetze, die entweder gegen europäisches Recht oder deutsches Verfassungsrecht verstoßen. Da wird man sprachlos, es wächst Gleichgültigkeit, Schweigen.

Alles Schweigen muss ein Ende haben

Und jetzt lese ich: 202 Übergriffe auf Asyl- und Flüchtlings-unterkünfte alleine im 1. Halbjahr 2015 in Deutschland. Da darf man nicht mehr still sein! Nicht nach der Gutmenschen-Art betroffen und insgeheim mit der Freude darüber, das keine Asylbewerber in der Nachbarschaft sind. Ein Übergriff wäre schon schlimm, aber 202 – das ist ein gesellschaftlich-politisches Problem, nein, noch tragischer, es ist ein Drama!

Natürlich braucht eine Demokratie unterschiedliche Auffassungen und Meinungen, sie braucht Extreme. Eine Demokratie muss das aushalten! Aber, Gewalt gegen Menschen?

Mir gefällt auch nicht jeder Mensch in unserem Land. Manchmal sehe ich z.B. dicke Frauen in Leggins gepresst, Männer in Shorts mit weißen Strümpfen und Sandalen, Glatzköpfe mit unerträglichen Westen und noch viel mehr. Demonstriere ich deswegen gegen sie, zünde ich ihre Häuser an? Ich will sie nicht sehen. Und doch haben sie einen Anspruch auf eigene Entfaltung, auf ihr eigenes Leben in Würde und Freiheit. Wie Schwule, Lesben, Andersdenkende, Andersgläubige und eben auch Flüchtlinge.

Was für ein Vergleich, wird manch einer denken. Toleranz fängt in Kleinigkeiten an, in den eigenen vier Wänden, im eigenen kleinen persönlichem Umfeld.

Konfuzius hat einst formuliert: „Begegne den Menschen mit der gleichen Höflichkeit, mit der du einen teuren Gast empfängst. Behandle sie mit der gleichen Achtung, mit der das große Opfer dargebracht wird. Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an. Dann wird es keinen Zorn gegen dich geben – weder im Staat noch in deiner Familie.“ Und Isokrates sagt: „Tut anderen Menschen nicht an, worüber ihr empört wäret, wenn ihr es selbst erfahren müßtet. Was immer ihr mit Worten verurteilt, dies setzt auch niemals in die Tat um.“

Hilf allen, soweit du kannst

Es genügt Arthur Schopenhauer: „Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soweit du kannst.“ Eine regula aurea, eine Goldene Regel des Lebens besagt: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Als Sprichwort ist uns die Kernaussage der Fabel des Aesops vom Adler und dem Fuchs bekannt: „Was du nicht willst was man dir tu', das füg’ auch keinem andern zu.“

Den Straftätern, die Flüchtlinge angreifen, Unterstützer bedrohen, Unterkünfte anzünden, sei gesagt, sie wollen ein System der Willkür. Ein solches System kennt keine Grenzen, jeder kann dort Opfer werden. Selbst die Protagonisten.

Fast hätte ich Voltaire vergessen. Er schrieb in seinem Plädoyer für Toleranz 1763: „Aber noch klarer ist, daß wir uns wechselseitig dulden müssen; denn alle sind wir schwach, schwankend und der Unbeständigkeit wie dem Irrtum verfallen.“


Dienstag, 23. Juni 2015

Es braucht mehr Empörung!

Die Jubiläen sind vorbei. Keiner hat es so richtig gemerkt. Es interessiert auch nicht mehr.

Da ist zunächst die große Magna Carta Libertatum. Oh, was für eine Urkunde für die Freiheit. Ja, das verbriefte Recht der Freiheit im Jahre 1215 (die Urkunde heißt zwar erst seit 1217 so, aber egal). Nur, es ging um Freiheit wie Fürsten sie definierten. Es ging nicht um Wahlrecht, Mitbestimmung, Gleichheit der Stände. Nein! Es ging um Machtbegrenzung des Königs. Jener war ein unglücklicher Herrscher: Johann Ohneland, der Bruder von Richard Löwenherz – wir erinnern uns hier eher an Robin Hood, der engagiert den Sheriff von Nottingham bekämpfte.

Und schon verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion. Über Jahrhunderte interessierte niemanden wirklich in England die Magna Carta. Gleichzeitig faszinierte damals wie heute der Kampf von Robin gegen staatliche Willkür (die war nämlich mit der Magna Carta nicht abgeschafft). In einer Welt unfreier Bürger (wenn man den Begriff Bürger überhaupt schon verwenden darf) waren die Mythen des Kämpfers für die Armen und Entrechteten Legende.

Wider der staatlichen Willkür

Vielleicht liegt da auch der tiefere Sinn der Magna Carta – eine Begrenzung des Gottesgnadentums. Wenn auch nur für die Mächtigen, die Barone, Grafen, Herzöge und Prinzen. Wesentlicher Teil der Magna Carta ist die Wiedergabe der Charter of Liberties von Heinrich I. (dem jüngsten Sohn von Wilhelm dem Eroberer – hier sei nur an den einzigartigen Teppich von Bayeux erinnert). Dem Adel werden grundlegende Rechte verbrieft. Damit wird andererseits die Unterstützung für den König gewonnen. Wir kennen das.

Kennen wir alles

Im Grunde bräuchten wir gar nicht neidvoll nach England zu schielen. Mit der Karolingischen Renovatio erleben wir nicht nur ein Aufblühen antiker Geistesvorstellungen, wir erleben klare Rechtssetzungen in Deutschland. Ihr größter Verfechter ist Hrabanus Maurus, der 856 in Winkel, im heute ältesten Steinhaus Deutschlands – dem Grauen Haus –, verstorben ist. Wir kennen den Mainzer Landfrieden von 1235, der Verfassungsrang im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hatte. Dem geht 1103 der Erste Mainzer Reichslandfrieden voraus – man muss z.B. eine Fehde drei Tage vorher ankündigen … . Aus der Mitte des 13. Jahrhunderts seien hier noch der Sachsenspiegel und das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch erwähnt. Von großer Bedeutung für unsere Geschichte ist zweifelsohne die Goldene Bulle von 1356, die letztlich auf dem Kurverein von Rhens fußt, und zugleich Frankfurt am Main zum Krönungsort macht.

Man darf sicher die Behauptung aufstellen, dass das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgrund seiner starken föderalen Ausrichtung schon sehr früh verlässliche Regeln für den Zusammenhalt brauchte. Die sieben Kurfürsten, die den Deutschen König wählten, waren weniger vom Gottesgnadentum sondern eher von der jeweiligen Arrondierung ihrer Machtsphären beseelt. Das schränkte zunächst zentralstaatliches Handeln ein, führte aber auch öfter zu kriegerischen Auseinandersetzungen.

Gewahrt blieb letztlich regionale Autonomie und Souveränität. Wichtiger aber, es gab kein wirkliches politisches und kulturelles Zentrum. Dies führte zugleich bei kultureller Vielfalt zu unterschiedlichen Entwicklungen der Ideen von Freiheit und Gleichheit. Reformation und 30jähriger Krieg haben nicht zuletzt in der Schwäche des Zentralstaats ihre Ursache.

Napoleon vielleicht der wahre Sieger

Bekannter als seine Bezwinger: Napoleon
Mit Napoleon, diesem Aufsteiger aus dem Nichts, erfährt Deutschland erstmals nach Karl dem Großen wirkliche zentralstaatliche Macht. Mit vernünftigen Rechtssetzungen. Vielleicht mögen wir den großen Verlierer von Waterloo deshalb immer noch. Zumindest ist er deutlich bekannter als all die, die ihn besiegten. Ich mag ihn. Alleine, wegen seiner Einschätzung von Champagner – 'Nach dem Sieg bekommst Du ihn, nach der Niederlage brauchst Du ihn.'

Er hatte einen Traum von Europa. Den hatten die Herren des Wiener Kongresses auch. Ihnen ging es im Kern um die Verhinderung neuer Vormachtstellungen, zugleich schufen sie die Voraussetzungen dafür. Randstaaten wurden stark, alte Zentralmächte geschwächt. Die Basis für neue Rivalitäten war geschaffen. So ist es bis heute. Leider!

Aus der Geschichte lernen

Es ist verpönt. Klischeehaft. Wir nehmen Geschichtsdaten immer wieder gerne als Beweis von Wissen zur Hand. Bedauerlicherweise fehlt unserer Gesellschaft oft ein verständiger Wille. Europa und staatliche Ordnung wachsen aus dem Verständnis kultureller und ethnischer Vielfalt. Es braucht keine Einheitlichkeit. Es braucht das gegenseitige politische Einverständnis. Dies setzt Wissen, Einsatz und verschiedentlich auch, wie Stéphane Hessel schrieb, Empörung voraus. Das Schlimmste, ist nach seinen Worten, die Gleichgültigkeit. Die macht sich breit in Europa. Es ist der Nährboden für extreme politische Strömungen. Deswegen lohnt es sich immer wieder an Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte zu erinnern. Männer und Frauen aus allen Schichten haben immer wieder für Freiheit gekämpft. Wir haben sie. Vermeintlich!

Mittwoch, 3. Juni 2015

Ein Blatter macht noch keinen Sommer

Leute, Leute, Leute! Es geschieht doch noch etwas. Ich dachte schon an Stillstand. Deswegen war es hier auch so ruhig. Aber, die Erde, nein zumindest der Fußball dreht sich doch! Erst der HSV, jetzt der Sepp. Was für Zeiten.

1215. Die Welt steht mal wieder still. Klar, nur in England. Die Barone, sozusagen das Exekutivkomitee des alten Englands, trotzen dem König Johann Ohneland machtvolle Rechte ab. Wir feiern das Papier gerne als Vorläufer unserer heutigen demokratischen Verfassungen. Johann war eine tragische Figur. Sein Bruder Richard Löwenherz lässt jedes Bubenherz hörbar schlagen. Nun, jener Richard geriet auf dem Kontinent in Gefangenschaft. Heinrich VI. und Leopold V. erpressten viel Geld für seine Freilassung. Heinrich investierte es letztlich in die Entwicklung von Worms und Speyer; Leopold gründete damit die Wiener Neustadt. Wenn Großbritannien – als Rechtsnachfolger des damaligen Englands – heute seinen Verbleib in der EU von der Rückzahlung der damals horrenden Zahlungen abhängig machen würde, sie bräuchten kein Referendum für ihren Austritt. Die Geschichte der Magna Carta folgt im übernächsten Blog.

Die Macht der Bilder

Man könnte glauben, Blatter sei damals schon dabei gewesen. Ewig hat er in unserer Wahrnehmung die Schlagzeilen, den Fußball und die Bilder bestimmt. Ihm ging es immer um die Macht der Bilder. Um die Fernsehrechte. Sepp Blatter war damals aber nicht dabei, er war nur 17 Jahre Präsident der FIFA. Dank der Amerikaner ist das jetzt vorbei. Ausgerechnet die USA. Deren Verfassung ruht auf der Magna Carta. Gut. Guantanamo lässt grüßen. Vielleicht gibt es doch schon länger den Blatter Sepp als Menschenrechte in den USA.

Deren Friedensnobelpreisträger und Präsident bespricht sich am Wochenende mit sechs anderen beim G7-Treffen ohne den achten, Russlands Putin. Der ist nämlich böse, auch weil der die WM 2018 gekauft hat. Weil sich aber die sieben Großen der Welt jetzt treffen, setzen wir auch mal schnell die Rechte außer Kraft, deren Fehlen wir in Russland so beklagen. Bei diesem Gipfel (wir haben mehr Gipfel als Berge) werden wieder einmal die Probleme gelöst, die die Großen schon seit Jahren gelöst haben wollten.

Blatter sagte beim Kongress in Zürich vor ein paar Tagen, „Ich habe damit nichts zu tun.“. Gemeint war natürlich die Korruption bei der FIFA. Dieser Satz hat in unserer Welt Allgemeingültigkeit. Keiner hat mit irgendwelchen Dingen auf dieser Welt zu tun. Und täglich grüßt das Murmeltier. Es gibt wichtigere und drängendere Probleme, die wie in einer Endlosschleife immer wieder vor unserem Auge sind. Wir erfahren so unendlich viel und wissen nichts! Weil nichts passiert. Ukraine, Griechenland, der Terror in den arabischen Staaten, die Flüchtlingsdramen – mehr als 1800 registrierte Flüchtlingstote alleine bisher in diesem Jahr. Die Bilder verblassen. Wir leben in einer Welt der kollektiven Unverantwortlichkeit. Das wird sich nach dem x-ten Gipfel nicht ändern.

Wir haben nie was hingeblattert!

Aber Blatter bestimmt die Nachrichten. Das hat er schon vor vier Jahren, vor acht auch. Klar, auch bei seiner ersten Kandidatur 1998. In den letzten Jahren konnten immer wieder die gleichen Texte abgeschrieben werden. Übrigens, wir Deutschen haben damit nichts zu tun. Bei uns werden keine großen Summen für Fernsehrechte hingeblattert. Und unsere Fußball-Funktionäre sind immer wieder aufs Neue irritiert, wenn sie teure Uhren in ihren Werbetaschen finden.

Einer hatte Mut in Zürich: Der Brite David Gill. Vielleicht wird er sich an den Kampf gegen Johann Ohneland erinnert haben.

Samstag, 21. März 2015

Hätten sie doch nur Wein getrunken!


Wein weitet den Geist, öffnet das Herz, lädt zum friedlichen, fröhlichen und geselligen Leben ein. Der Schwarze Block vom vergangenen Mittwoch in Frankfurt hat zumindest keinen Wein getrunken. Mit Sicherheit auch keinen Apfelwein. Nicht aber, weil sie sich der Fastenzeit verschrieben haben, sie brauchten einen kühlen und klaren Kopf bei ihren geplanten, strategisch ausgefeilten Gewaltaktionen.

Johann Adam von Itzstein
Vielleicht wäre Ihnen bei einem Glas Wein die Bedeutung des 18. März für unsere Geschichte bewusst geworden. Allerdings glaube ich, sie haben noch nie etwas von Georg Forster, Adam Lux, Kaplan Arensberger, Philipp Jakob Siebenpfeiffer, Johann Georg August Wirth, Johann Adam von Itzstein, Joseph Fickler, Johann Philipp Becker, Louise Otto-Peters, Mathilde Franziska Anneke, Hedwig Dohm und vielen anderen gehört.

Von den Gewalttätern in Frankfurt, es waren keine Chaoten, unterscheidet diese Revolutionäre etwas ganz besonderes: Sie waren die Gestalter der Mainzer Republik, die am 18. März 1793 ausgerufen wurde, Organisatoren des Hambacher Festes bzw. wichtige Protagonisten des Berliner Aufstandes vom 18. März 1848 – all dies mündete in die deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Sie standen und stehen mit ihrem Namen und ihrem Gesicht für den unbedingten Willen zur Veränderung, sie waren Freiheitskämpfer! Sie nahmen persönliche Einschränkungen und Repressalien für eine neue Demokratie in Kauf. Und auch die Kämpfer für die Volkskammerwahl am 18. März 1990 in der ehemaligen DDR hatten ein hohes, persönliches Risiko zu tragen.

Tanz um den Freiheitsbaum 1793
Ganz anders am 18. März 2015 in Frankfurt: Vermummte führen ganz gezielte und ausgesprochen professionell geplante gewalttätige Attacken durch. Dabei sind bewusst die Gefährdung und Verletzung von Menschen eingeplant. Nicht anders ist zum Beispiel das Werfen eines Brandsatzes in ein Polizeiauto mit Insassen zu bewerten. Die Behinderung von Rettungskräften ist ein weiteres Beispiel für diese durch nichts zu rechtfertigende Gewalttätigkeit in Frankfurt.

Die Organisatoren der Demonstration machen es sich zu einfach, wenn Sie erschrocken sind über das Ausmaß der Gewalt oder darauf verweisen, dass die Polizei nicht deeskalierend gewirkt habe. Ich will hier nicht auf die vielen herunterspielenden Aussagen eingehen. Bewegungen wie Occupy und Blockupy müssen sich nicht nur distanzieren, sie muss sicherstellen, dass es in keiner Weise eine Verbindung zwischen berechtigten demokratischen Anliegen und geplanter Gewalttätigkeit gegen Mensch und Eigentum gibt. Der Hinweis auf Wut rechtfertigt keine Gewalt! Es gibt für diese Aktionen keine Entschuldigung. Da sind auch DIE LINKEN und VERDI gefordert.


Wo stehen Occupy und Blockupy?

Occupy Frankfurt

Wer sich die Facebook-Seite von Occupy Frankfurt anschaut, ist über das Profilbild überrascht. Vermummte fordern: „Besetzt die Welt“. Ich dachte, das Ziel der ganzen Demonstrationen sei eine Befreiung, eine Revolution zur Veränderung und Verbesserung von Lebensbedingungen auf der ganzen Welt. Dieses Profilbild lädt jedoch jedoch zur Vermutung der Nähe zum schwarzen Block in Frankfurt ein.


Kritik und Demonstration muss sein!


Ja, so unendlich viele politische Entscheidungen und Maßnahmen sind kritikwürdig. Es ist nicht hinnehmbar, dass man mit Spekulationen auf Nahrungsmitteln Geld verdient; dass auf Zinseinkünfte ein niedriger Steuersatz zu entrichten ist als auf Arbeitseinkünfte; dass wir einer der größten Waffenlieferanten dieser Welt sind; dass wir in Europa eine Wirtschafts- und Finanzunion geschaffen haben, aber keine Sozialunion; dass mit Steuergeldern gerettete Banken heute wieder ungeheure Boni auszahlen. Es gibt so viele Themen und Vorgänge, die angegriffen werden müssen. Ja, jetzt, hier und überall.

Dankbar bin ich, dass ich in einem Land mit Grund- und Freiheitsrechten lebe, wo ich all überall diese Kritik äußern und für Veränderungen eintreten kann; wo Menschen, wie die 150 verletzten Polizeibeamten in Frankfurt, für meine Freiheitsrechte einstehen. Das ist Demokratie. Die gilt es zu erhalten und dafür gilt es zu kämpfen. Mit Worten und Taten. Nicht mit Gewalt!
 
Übrigens, im Revolutionsjahr 1793 gab es im Rheingau „einen sehr guten und starken Wein, aber sehr wenig“, wie wir der Rheingauer Geschichts- und Wein-Chronik aus dem Jahre 1854 entnehmen können. Im Jahr der Frankfurter Nationalversammlung 1848 war „der Wein ziemlich gut, dem 1826er ähnlich.“ Weiter heißt es in der Chronik: „Der Weinhandel lag in Folge der bewegten Zeiten ganz darnieder, Niemand wollte kaufen, weil Jeder fürchtete, daß er seines Eigenthums beraubt würde.“


Rheingauer Geschichts- und Wein-Chronik 1854

Freitag, 13. März 2015

Auch das noch!

Ohne Ende Blogs. Jeder und Jede hat einen. Jetzt auch noch ich. Ja, da ist er. Mein Blog über Wein und Leben. Hier ist nicht alles anders, manches vielleicht ungewohnt, vieles einfach nur klar, präzise und prägnant.

Wein kann manchmal so einfach sein!

Ich bin bekennender Weintrinker. Wein muss schmecken. Es gibt nur zwei Arten von Wein: Wein, der schmeckt, und Wein, der eben nicht schmeckt. Das darf in meiner Gedankenwelt immer und überall jeder für sich selbst entscheiden. Oft verzweifle ich an den so wunderbar geschriebenen und erlesenen Bewertungen über Wein. Wein ist ein Lebensmittel. Dabei gilt: Nur eine verkaufte Weinflasche ist eine gute Weinflasche. Dies vor Augen, darf man getrost manche Beschreibung und Bewertung landauf und landab für sich selbst relativeren.

Wein ist Persönlichkeit. Wein ist Geschichte. Darum geht es hier. Lesen werden Sie in diesem Blog Artikel über Weingeschichte und -kultur, über die so oft verräterische Weinsprache. Weingenuss soll und muss Freude bereiten. Gerade viele, kleine, nahezu unbedeutende Weingüter haben so besondere Weine mit spannender Geschichte zu bieten. Sie werden es lesen. Weingenuss muss auch nicht teuer sein. Sie werden es sehen.

Ein Leben ohne Wein?

Unvorstellbar! 'Was hat der für ein Leben, der des Weins entbehrt', heißt es in der Bibel (in der mehr als an 400 Stellen der Wein erwähnt wird). Der große persische Mystiker und Dichter Dschalal ad-Din Muhammad Rumi schrieb im 13. Jahrhundert:  'Wein ist ein Regen für den Seelen-Garten.'

In der Rubrik Prägnantes Leben geht es  aber weniger um Wein. Bei einem Glas Wein (und vielleicht einer Zigarre) wird hier der Alltag in all seinen Facetten betrachtet. Werden Fragen aufgeworfen und diskutiert.

Es war alles schon einmal da...

Nein. Manchmal lohnt sich allerdings ein Blick in die Geschichte. Hier und da wiederholt sie sich auch - mit anderen Akteuren, zu neuen Zeiten. Blicken wir gemeinsam in Archive, auf Geschehnisse und Aussagen längst vergangener Tage. Die Zeit beleuchten, damit wir das Heute verstehen. Darüber können Sie bei Alles wird Geschichte lesen.

Ich freue mich auf diesen Blog. Nicht allen wird alles gefallen. Vielleicht fühlen Sie sich von dem einen oder anderen Beitrag angesprochen. Lassen Sie es mich wissen. Gerne greife ich auch Ihre Hinweise und Empfehlungen auf.

Jetzt ist er da. Der Blog von Markus Hebgen.

Ihnen allen einen wunderschönen, erholsamen Abend und ein tolles Wochenende.