Die
Jubiläen sind vorbei. Keiner hat es so richtig gemerkt. Es
interessiert auch nicht mehr.
Da
ist zunächst die große Magna Carta Libertatum. Oh, was für eine
Urkunde für die Freiheit. Ja, das verbriefte Recht der Freiheit im
Jahre 1215 (die Urkunde heißt zwar erst seit 1217 so, aber egal).
Nur, es ging um Freiheit wie Fürsten sie definierten. Es ging nicht
um Wahlrecht, Mitbestimmung, Gleichheit der Stände. Nein! Es ging um
Machtbegrenzung des Königs. Jener war ein unglücklicher Herrscher:
Johann Ohneland, der Bruder von Richard Löwenherz – wir erinnern
uns hier eher an Robin Hood, der engagiert den Sheriff von Nottingham
bekämpfte.
Und
schon verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion. Über Jahrhunderte
interessierte niemanden wirklich in England die Magna Carta.
Gleichzeitig faszinierte damals wie heute der Kampf von Robin gegen
staatliche Willkür (die war nämlich mit der Magna Carta nicht
abgeschafft). In einer Welt unfreier Bürger (wenn man den Begriff
Bürger überhaupt schon verwenden darf) waren die Mythen des
Kämpfers für die Armen und Entrechteten Legende.
Wider
der staatlichen Willkür
Vielleicht
liegt da auch der tiefere Sinn der Magna Carta – eine Begrenzung
des Gottesgnadentums. Wenn auch nur für die Mächtigen, die Barone,
Grafen, Herzöge und Prinzen. Wesentlicher Teil der Magna Carta ist
die Wiedergabe der Charter of Liberties von Heinrich I. (dem jüngsten
Sohn von Wilhelm dem Eroberer – hier sei nur an den einzigartigen
Teppich von Bayeux erinnert). Dem Adel werden grundlegende Rechte
verbrieft. Damit wird andererseits die Unterstützung für den König
gewonnen. Wir kennen das.
Kennen
wir alles
Im
Grunde bräuchten wir gar nicht neidvoll nach England zu schielen.
Mit der Karolingischen Renovatio erleben wir nicht nur ein Aufblühen
antiker Geistesvorstellungen, wir erleben klare Rechtssetzungen in
Deutschland. Ihr größter Verfechter ist Hrabanus Maurus, der 856 in
Winkel, im heute ältesten Steinhaus Deutschlands – dem Grauen Haus
–, verstorben ist. Wir kennen den Mainzer Landfrieden von 1235, der
Verfassungsrang im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hatte.
Dem geht 1103 der Erste Mainzer Reichslandfrieden voraus – man muss
z.B. eine Fehde drei Tage vorher ankündigen … . Aus der Mitte des
13. Jahrhunderts seien hier noch der Sachsenspiegel und das
Mühlhäuser Reichsrechtsbuch erwähnt. Von großer Bedeutung für
unsere Geschichte ist zweifelsohne die Goldene Bulle von 1356, die
letztlich auf dem Kurverein von Rhens fußt, und zugleich Frankfurt
am Main zum Krönungsort macht.
Man
darf sicher die Behauptung aufstellen, dass das Heilige Römische
Reich Deutscher Nation aufgrund seiner starken föderalen Ausrichtung
schon sehr früh verlässliche Regeln für den Zusammenhalt brauchte.
Die sieben Kurfürsten, die den Deutschen König wählten, waren
weniger vom Gottesgnadentum sondern eher von der jeweiligen
Arrondierung ihrer Machtsphären beseelt. Das schränkte zunächst
zentralstaatliches Handeln ein, führte aber auch öfter zu
kriegerischen Auseinandersetzungen.
Gewahrt
blieb letztlich regionale Autonomie und Souveränität. Wichtiger
aber, es gab kein wirkliches politisches und kulturelles Zentrum.
Dies führte zugleich bei kultureller Vielfalt zu unterschiedlichen
Entwicklungen der Ideen von Freiheit und Gleichheit. Reformation und
30jähriger Krieg haben nicht zuletzt in der Schwäche des
Zentralstaats ihre Ursache.
Napoleon
vielleicht der wahre Sieger
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| Bekannter als seine Bezwinger: Napoleon |
Mit
Napoleon, diesem Aufsteiger aus dem Nichts, erfährt Deutschland
erstmals nach Karl dem Großen wirkliche zentralstaatliche Macht. Mit
vernünftigen Rechtssetzungen. Vielleicht mögen wir den großen
Verlierer von Waterloo deshalb immer noch. Zumindest ist er deutlich
bekannter als all die, die ihn besiegten. Ich mag ihn. Alleine, wegen
seiner Einschätzung von Champagner – 'Nach dem Sieg bekommst Du
ihn, nach der Niederlage brauchst Du ihn.'
Er
hatte einen Traum von Europa. Den hatten die Herren des Wiener
Kongresses auch. Ihnen ging es im Kern um die Verhinderung neuer
Vormachtstellungen, zugleich schufen sie die Voraussetzungen dafür.
Randstaaten wurden stark, alte Zentralmächte geschwächt. Die Basis
für neue Rivalitäten war geschaffen. So ist es bis heute. Leider!
Aus
der Geschichte lernen
Es
ist verpönt. Klischeehaft. Wir nehmen Geschichtsdaten immer wieder
gerne als Beweis von Wissen zur Hand. Bedauerlicherweise fehlt
unserer Gesellschaft oft ein verständiger Wille. Europa und
staatliche Ordnung wachsen aus dem Verständnis kultureller und
ethnischer Vielfalt. Es braucht keine Einheitlichkeit. Es braucht das
gegenseitige politische Einverständnis. Dies setzt Wissen, Einsatz
und verschiedentlich auch, wie Stéphane Hessel schrieb, Empörung
voraus. Das Schlimmste, ist nach seinen Worten, die Gleichgültigkeit.
Die macht sich breit in Europa. Es ist der Nährboden für extreme
politische Strömungen. Deswegen lohnt es sich immer wieder an
Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte zu erinnern. Männer und
Frauen aus allen Schichten haben immer wieder für Freiheit gekämpft.
Wir haben sie. Vermeintlich!
