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Montag, 15. April 2019

Sonne. Wein. Ostern.

Der große italienische Dichter des Mittelalter, Dante Alighieri, schrieb einst, "Vom Urbeginn der Schöpfung ist dem Wein eine Kraft beigegeben, um den schattigen Weg der Wahrheit zu erhellen." Der 580 vor Christus verstorbene alexandrinische Lyriker Alkaios schrieb es direkter: "In vino veritas!" - Im Wein liegt Wahrheit. Vielleicht hat dies den französischen Journalisten und Schriftsteller Claude Tillier im frühen 19. Jahrhundert zu der Aussage - Essen ist ein Bedürfnis des Magens, Trinken ein Bedürfnis des Geistes - inspiriert. Übrigens, von Tacitus wissen wir, dass die alten Germanen bei Ratssitzungen immer Wein tranken. Sie glaubten schlicht, Betrunkene könnten nicht lügen. 

Welchen Wein sie tranken, verrät uns Tacitus nicht.  Allerdings können wir vermuten, dass die Rheingauer bei ihren Versammlungen seit dem frühen Mittelalter auf der Lützelaue bei Winkel insbesondere Weine aus eben jenem Ort zu sich nahmen. Die Lützelaue - ob Insel im Rhein oder 'nur' Landzunge (die Forscher und Historiker sind sich seit Jahrhunderten nicht einig) - war nicht nur Ort der Huldigung an den Mainzer Erzbischof, hier erneuerten die Landesfürsten auch die Rheingauer Freiheitsrechte. 

Die Villa Gutenberg liegt nicht weit von der Lützelaue. Ein traditionsreiches Winkeler Familienweingut. Richard Nägler jun. ist ein bodenständiger Winzer. Seine Weine sind hochwertige, dezente und zugleich kraftvolle Botschafter des Rheingaus. Weine voller Persönlichkeit, die mit viel Leidenschaft, Geduld und Respekt vor der Natur ausgebaut werden. Trinkbare Heimat!

Jetzt zu Beginn der Karwoche war es langsam Zeit, um sich nach innerlicher, seelischer Reinigung und Kasteiung mit der Weinfrage an Ostern zu beschäftigen. Das Wetter - so die Prognosen - soll sehr ansprechend werden. Ich habe mich daher (auch für meine Gäste) für eine feine Auswahl der Weine von Richard Nägler entschieden. Starke Rotweine - u. a. aus dem Höllenberg, ein wundervoller Kabinett aus dem Rüdesheimer Magdalenenkreuz und ein ausgezeichneter 2018er Sauvignon Blanc. Gespannt bin ich ganz besonders auf den 18er Gewürztraminer.

Johann Wolfgang von Goethe, der oft in Winkel weilte, schrieb in den letzten Zeilen seines Gedichts Osterspaziergang:

"Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Ich freue mich drauf. Frohe Osterzeit!

Mehr Infos über die Weine des Weinguts ist unter www.villa-gutenberg.de zu erfahren.


Mittwoch, 20. März 2019

Wein ohne Fisimatenten

Es war die teuerste Taxifahrt meines Lebens. Vor über 20 Jahren lud mich ein befreundeter Journalist zu seiner Geburtstagsfeier in den Weingarten nach Walluf. Meine erste persönliche Begegnung mit dem Weingut J. B. Becker. Viele weitere sollten folgen. Nach der Feier wollte ich zu einem Segeltörn auf dem Eiselmeer aufbrechen. Die gereichten, ambrosisch anmutenden, Weine brachten meinen fein ausgetüftelten Bahnfahrplan ins Wanken und ließen mich in tiefster norddeutscher Provinz stranden.

Der Weingarten, damals wie heute eine innovative Idee (oft kopiert und nie erreicht), lässt viel über das Weinverständnis von Hajo Becker, einem unbändigen Kämpfer für seine Rheingauer Heimat und voller Leidenschaft für einzigartige Weine, erahnen. Was sind nicht schon Titel für ihn erfunden worden - von Kultwinzer bis Lordsiegelbewahrer. Dazu Auszeichnungen ohne Ende. Selbst eine gelassene Eitelkeit, die er - ohne Frage - pflegen dürfte, ist ihm jedoch fremd. Unprätentiös - so lässt sich Hans Josef Becker, einer der besten deutschen Winzer, am ehesten beschreiben. Auch seine Weine bleiben bei aller Kraft und Reife unaufdringlich. Dem eiligen und schnellen Konsumenten erschließen sie sich nicht. Seine Weine verlangen Zeit und Muße. Dem geneigten Bacchanten öffnet sich aber eine gravitätische Welt des Genusses.

Gereifte Rieslinge und besondere Spätburgunder aus besten Lagen in Walluf und Eltville prägen dieses etwas mehr als 125 Jahre alte Weingut. Es ist der große Respekt vor der Natur und den Weinbergen, die Hajo Becker ausgesuchte Trauben bescheren. Im Keller lässt er seinen Weinen alle Zeit, die sie brauchen, um auch noch nach Jahrzehnten einen eigenen Charakter voller Persönlichkeit - fern von Petrolnoten - mit Tiefe und klaren Frucht- und Kräuteraromen zu besitzen. Einfach natürlich. Da ist Naturverbundenheit in Kombination mit Tradition ein wirklich nachhaltiges und erfolgreiches Programm.

Es ist noch nicht lange her, da bat mich Hajo Becker zu einem spontanen, unkomplizierten Abendessen in seine große Küche. Am schweren Holztisch mit Speisen, die der Kühlschrank hergab, entzündete sich gemeinsam mit seiner ebenso bezaubernden wie kompetenten Gattin Eva Becker, die für die internationale Ausrichtung des Weinguts steht, ein intensiver Gedankenaustausch - offen, direkt, hart in der Sache, fair und vertrauensvoll, voller Ideen und Visionen, dabei immer bodenständig im Rheingau geerdet. Beide, es war mit Händen zu greifen, stehen eben für eine Weinwelt ohne Sperenzchen, mit Niveau und voller hingebungsvollem Können. Für sie ist der Weinbau keine Aufgabe, es ist Berufung.

Wer zweifelt, sollte sich einfach einmal Zeit für eine Verkostung nehmen. Ein Highlight - oder ganz umgangssprachlich 'Großes Kino' - ist der 2007er Wallufer Oberberg Riesling Auslese. Am letzten Montag habe ich diesen Wein erstmals auf der ProWein verkostet. Feine, ausbalancierte Komposition reifer Früchte, anhaltend, ein kraftvolles Geschmackserlebnis. Dabei außerordentlich frisch und ein schmelziger Gaumenflirt. So Gott will, und Hajo mich lässt, werde ich diesen Wein die nächsten 20 Jahre regelmäßig probieren. Vielleicht auch einfach bei einem Picknick im Weingarten.

Mehr Infos unter: https://www.jbbecker.de


Sonntag, 17. März 2019

Hier war es in letzter Zeit sehr ruhig. Eher still. Ich bitte um Nachsicht. Sicher, ich bin nicht der typische Blogger, der ständig mit einer höchst aktuellen und wichtigen Geschichte aufwartet. Auch bin ich nicht der klassische Influencer. Will ich auch nicht. Aber, ein bisschen mehr Regelmäßigkeit müsste und könnte ich gewährleisten.

Natürlich, hier auf meinem Schreibtisch liegen viele Themen, über die ich schreiben wollte und werde. Es gilt noch über so tolle Begegnungen, über Sekte aus kleinen Familienbetrieben, wunderbare Weine aus aller Welt und über Gläser zu schreiben. Interessante Weinliteratur wartet auf ihre Rezension.

In den letzten Monaten habe ich mich mehr mit der Organisation von Weintouren und Weinproben beschäftigt, auch mal eine kleinere Auszeit genommen. Und, vor dem Bericht und Schreiben steht für mich immer noch der Genuss mit lieben Menschen und guten Freunden. Das muss nicht jeder und jede wissen.

Der geneigte Leser weiß, meine Beiträge sind mit Interesse geschrieben, bilden eine Einheit aus Information, Kultur und Geschichte. Ich mag keine Oberflächlichkeit. Meine Texte stehen für Qualität, Niveau und inhaltliche Korrektheit. Dabei sollen sie auch lesenswert sein. Dies gewährleiste ich.

Mein Blog erzählt Geschichten von Winzern und Weinen, von Regionen und Geschehnissen, die Lust auf mehr machen sollen. Ich hüte mich vor Punktebewertungen, da ich um ihre Subjektivität weiß. Mich freut es, wenn interessierte Weintrinker - und ich unterscheide nicht zwischen Laien und Kennern (wer ist das schon?) - über meinen Blog auf andere, neue - und besonders auch erschwingliche - Weine stoßen.

Mein Anspruch ist der Genuss meiner Leser! Dafür werde ich wieder mehr und regelmäßig schreiben. Versprochen.

Bleiben Sie mir gewogen.

Ihr Markus Hebgen

Montag, 24. September 2018

Große Gewächse in kaiserlichem Ambiente

PREMIERE VDP. GROSSES GEWÄCHS in Berlin.
Treffpunkt: Kaiserliches Haupttelegraphenamt in Berlin. Natürlich heißt das 1863 errichtete Gebäude heute nicht mehr so, es beherbergt die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom. Aber, gibt es im digitalen Zeitalter einen besseren Ort für die Premiere VDP. GROSSES GEWÄCHS? Weine höchster Qualität, changierend zwischen schmeckbarer Tradition und Zeitgeist in Flaschen. Anfang September war eben dieses ehrwürdige Gebäude die Repräsentanz hoher und außergewöhnlicher Weinkunst.

Viel ist schon über die Spitzengewächse der VDP-Winzer aus 2017 (weiß) und 2016 (rot) geschrieben worden. Natürlich auch über die Wetterkapriolen des Vorjahrs. Und, Punkte über Punkte sind vergeben worden. Manch lesenswerte Beurteilung finden Sie hier. Ich bin ja nicht so der Punkte-Freund. Meine Punkte-Skepsis ist hinreichend dem geneigten Leser bekannt. In diesem Blog geht es auch mehr um die Geschichten rund um einen Wein, die jeweiligen Winzer und Weingüter. Eine gewisse Subjektivität will ich gar nicht verleugnen. So berichte ich heute mehr über meine Eindrücke, stelle ausgewählte Große Gewächse und Winzer vor. Viele herausragende Weine, die es ohne Frage verdient hätten, hier erwähnt zu werden, fehlen. Über manches Gewächs werde ich noch gesondert schreiben. Der eine oder andere Wein, gleichwohl von hoher Qualität, blieb mir verschlossen oder schmeckte mir schlicht nicht. Auch habe ich eine Auswahl der einzelnen Anbaugebiete vorgenommen. So konzentriere ich mich beim Riesling auf Mosel, Nahe, Pfalz und Rheinhessen, beim Silvaner auf Franken und beim Spätburgunder auf Baden.

Ein Trend ist vermehrt feststellbar, immer mehr Weingüter gönnen ihren Großen Gewächsen mehr Zeit. Sie lassen die Weine länger reifen und präsentieren daher in diesem Jahr 2016er Weine. Eine spannende Entwicklung,

Ein solcher Vertreter ist zum Beispiel der 2016er Josephshöfer des Weinguts Reichsgraf von Kesselstatt aus der gleichnamigen 5 ha großen Monopollage in Graach. Der, für Moselverhältnisse, relativ schwere Boden bringt kräftige, leicht rauchige Weine mit einer charakteristischen Würznote sowie dezenten Fruchtaromen hervor. Mit würzigen, tropischen Fruchtnoten hat mich auch der 2017er Goldtröpfchen des Weinguts Haart überzeugt. Ein ungewöhnlich präsenter und klar strukturierter Wein aus der Hauslage des seit 1337 in Piesport ansässigen 9 ha großen Weinguts.

Aus der gleichen Lage präsentiert Thomas Haag, Weingut Schloss Lieser, seinen 2017er Goldtröpfchen. Ein Wein voller Pep und Energie, präzise, mit einem wunderbaren Säure- und Mineralienspiel. Begeistert hat mich dort zudem der 2017er Niederberg Helden mit seiner kühlen Stilistik und angenehmen Würzigkeit.

'Begeisterung' klingt immer so vergänglich, als Momentaufnahme. Nein, die Mosel begeistert mich immer wieder. Bei jeder Fahrt an die Mosel muss ich an den römischen Dichter Ausonius denken, der im Jahre 371 das wundervolle Gedicht Mosella schrieb (bitte nicht mit dem Lied 'O Mosella' des Kölner Bäckers Karl Berbuers von 1947 verwechseln). Jener Decimius Magnus Ausonius war in Trier Lehrer und Erzieher des späteren römischen Kaisers Gratian. Dieser Kaiser erhob 382 das Christentum zur Staatsreligion. Ausonius preist in seinem Gedicht die Naturschönheit der Mosellandschaft, den Fleiß ihrer Anwohner sowie den Reiz und die Fruchtbarkeit des Moselufers.

Die Mosel windet sich nahezu bedächtig durch dieses Tal, Steilhänge begleiten sie und Orte, wie von einem wohlmeinenden Schöpfer ans Ufer drapiert. Jede Gemeinde hat eine mehr oder weniger interessante römische Vergangenheit. Auch im Weinbau. In Lieser wird dies an der römischen Kelteranlage sehr deutlich. Ein Besuch dort lohnt sich. Natürlich auch in der wunderschönen spätbarocken Kirche St. Peter in Lieser.

Wenige Kilometer flussaufwärts liegt die wunderbare Weinlage Juffer. Die Töchter eines Kammerherrn weigerten sich im 19. Jahrhundert zu heiraten. Lieber kümmerten sie sich um einen Weinberg, der der Familie gehörte. Die verärgerten Eltern nannten den Weinberg daher im moselfränkischen Dialekt Juffer - Jungfer. Die 32 ha große Lage besticht mit ihren Rieslingen. Mittendrin dann auch noch eine Filetlage: Juffer Sonnenuhr. Hier kommt die 2017er Juffer Sonnenuhr Riesling Auslese des Weinguts Fritz Haag aus Brauneberg her. Was für ein Wein! Der Enkel von Fritz, Oliver Haag, präsentiert einen edelsüßen Riesling voller Frucht, dicht am Gaumen, leicht rauchig und mit dezenten Würznoten. Harmonie pur auf der Zunge! Kein Wunder, der Ort Brauneberg hieß bis 1925 Dusemond - aus dem lateinischen 'dulics mons', süßer Berg.

Von Brauneberg ist es nur ein kleines Stück, bis man moselabwärts in Bernkastel-Kues steht. Dieser pittoresken Kleinstadt mit bedeutender Geschichte. Kurfürst Boemund II. wird hier mit Wein von einer Krankheit geheilt. Der große Universalgelehrte, Kardinal und päpstlicher Legat Nikolaus von Kues, dessen Herz im Cusanus-Stift ruht, kommt von hier. Und natürlich, Ernst Loosen baut im St. Johannishof beste Rieslinge aus. Zwei Jahre Hefelager und dann noch ein Jahr in der Flasche im Weingut Dr. Loosen kennzeichnen den 2013er Würzgarten Riesling GG Alte Reben Réserve. Was für eine Komplexität! Ein wohliger, wonniger Spätsommer präsentiert sich da auf der Zunge. Die Rebstöcke, bis zu 120 Jahre alt, stehen in der Ürziger Steillage auf rotem vulkanischen Boden. Hier ist Tradition ein trinkbarer Genuss.

Ich weiß, es ist jetzt ungerecht, nicht über die 2007er Wehlener Sonnenuhr Auslese von Joh. Jos. Prüm oder über die Weine vom Karthäuserhof sowie denen aus dem Weingut Maximin Grünhaus zu schreiben. Auch fehlen die Vereinigten Hospitien und natürlich von Othegraven. Erst recht Heymann-Löwenstein. Ohne Frage, alles Weine und Weingüter von höchster, ja kaiserlicher Qualität. Über all diese schreibe ich gesondert. Im nächsten Beitrag wechsle ich aber erst einmal die Region und die Rebsorte: Es geht nach Franken zum Silvaner. Deutschland ist ein spannendes Weinland.

Bild: VDP. Die Prädikatsweingüter

Dienstag, 28. August 2018

Sommer. Rheingau. Cocktails.

Lars Erdmann bei der Arbeit
Sein Name ist Erdmann. Lars Erdmann. Er mixt vorzügliche Martinis. Mit eigenem Wermut - versteht sich von selbst. Der Stuttgarter ist Brenner in dritter Generation und Inhaber der Destillerie Kohler. Nebenbei im Hauptberuf IT-Spezialist. Kürzlich war er im Rheingau bei Hubert Allert in Kiedrich - Keller & Kunst Kontor - zu Gast. Der kleine Laden ist immer noch ein echter Rheingauer Geheimtipp. Und der Wermut auch! Besteht er doch aus Rheingauer Riesling, die Trauben geerntet in den Rauenthaler Lagen Rothenberg und Wülfen des Weinguts Dalgaard & Jordan. So geht Europa: Die an der französischen Mosel geborene Christin Jordan, der Däne Lars Dalgaard und der Schwabe Lars Erdmann kreieren ein Getränk, welches Ende des 18. Jahrhunderts der Italiener Antonio Benedetto Carpano in Turin erfand. Die Journalisten Christin und Lars sind Weinprofis im Nebenerwerb. Ein sympathisches Paar mit wirklich auserlesenen Weinen. Nicht nur aus dem Rheingau, auch am Mittelrhein pflegen sie einen mehr als 60 Jahre alten Weinberg. Sie leben Wein, voller Leidenschaft. So, wie Lars seine Brände. Kein Wunder, dass sich Christin und Lars zu einem neuen Projekt fanden: Little Crab.

Die Entwicklungen bei der Produktion des ersten Wermuts erinnerten die beiden an die Bewegungen eines Krebs - mal vor, mal zurück. Es dauerte, bis die Mischung aus Wein und Artemisia die richtige dezente Schwere und Wucht, die hinreichende bittere Süße und die ausgesuchte Raffinesse aufwies, die sich mir im Glas präsentiert.

Wermut ist 'in'

Dabei war er nie out. Was nach neuem Trend klingt, ist grundlegender Bestandteil jeder guten Bar. Die besten Drinks der Welt brauchen ihn, große Barkeeper lieben ihn. Wermut, oder international Vermouth, ist ein charmanter Star der Cocktail-Szene. Dieser gekräuterte Wein - zu mindestens 75 % muss er aus Wein bestehen, hier eben aus Rheingauer Riesling, ist brennende Hingabe. Wichtige Basis klassischer Cocktails oder neuester Barkreationen, als Longdrink oder einfach pur. So genieße ich ihn am liebsten. Ein wunderbarer Apéritif, am Beginn eines anregenden Abendes, beim genussvollen Lauschen eines Barpianisten oder einfach auf der Terrasse zur blauen Stunde.

Christin und Lars bei der Arbeit an der Bar.
Auf die Qualität kommt es an

Dies ist Lars und Christin gelungen. Auch mit ihrem zweiten Produkt: GIN Little Crab. Mut und Offenheit, die Bereitschaft, eingefahrene Wege zu verlassen, schenkt dem geneigten Cocktail-Liebhaber einen wirklichen Genuss. Winzerhandwerk und Brennerkunst gemeinsam bringen wunderbare Apéritifs neu interpretiert auf den Markt. Antonio Benedetto Carpano würde es freuen. Mich begeistert es. Salute!

Mehr Infos unter: www.littlecrab.de und www.destillerie-kohler.de






Mittwoch, 25. Juli 2018

Wo Schmetterlinge Riesling kosten

Arne Wilken mit dem 1818er.
Leichtigkeit und Unbeschwertheit umfangen mich beim Besuch im VDP.Weingut Baron Knyphausen in Eltville-Erbach. Schon beim Betreten des Hofes fühle ich mich dem Alltag entrückt, fernab aller Hektik, und wähne mich mitten im Rheingau auf einer Insel der Glückseligkeit. Hier wird dem Wein Zeit geschenkt. Und dem Genießer manch köstlicher Moment.

Frederik zu Knyphausen und Kellermeister Arne Wilken empfangen mich im Gutsladen. Gleich sind wir mittendrin im Gespräch. Voller Stolz präsentieren beide mir die neue Weinbar. Ein handwerkliches Highlight. Sie zeigen mir die Bar und berichten von Planung, dem Erbauer, der Größe und dem geplanten Standort. In der neuen Vinothek wird sie zum Einsatz kommen. Gerade finden nämlich etliche Baumaßnahmen auf dem weitläufigen Gelände des Draiser Hofes statt. Große Betriebsamkeit herrscht auf der Baustelle. Frisches Design nicht nur bei der Flaschenausstattung.

Alles wirkt so unaufdringlich. Die neue Vinothek fügt sich mit ihrer Holzfassade wunderbar in die Anlage ein. Und doch ist sie ausgesucht modern. Diese Verbindung zwischen Tradition, davon gibt es reichlich auf dem Draiser Hof, und Zukunft ist hier gelungen. Nicht nur beim Bauen.
Die neue Weinbar für die Vinothek.

Der 42. Mainzer Bischof, Markulf, schenkte 1141 dem noch jungen Kloster Eberbach dieses Gelände. Bereits 1163 entstand hier der erste Weinkeller. 1803 wird der neue Landesherr des Rheingaus, der Herzog von Nassau-Usingen, Eigentümer. 1818 erwirbt Carl Gisbert Wilhelm von Bodelschwingh-Plettenberg das Anwesen. Ein Urahn des ursprünglich aus Friesland kommenden Adelsgeschlechts zu Innhausen und Knyphausen.

Ich schlendere mit Arne durch die Anlage, vorbei an den hauseigenen Weinbergen, Richtung Weinlounge 1141. Mir kommt Carlo Karges in den Sinn. In den Siebzigern schrieb der längst verstorbene Rocker das Lied "Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß wie Wolken schmecken...". Ruhe und Gelassenheit breiten sich auf dem Draiser Hof in unmittelbarer Rheinlage aus. Ideale Voraussetzung, um auf insgesamt 12 Hektar Wein anzubauen. Seit 2009 pflegt das Weingut den Roten Riesling und seit 2011 den Gemischten Satz im Eltviller Rheinberg mit Gewürztraminer, Silvaner, Elbling, Gelben Orelans, Weißen Heunisch, Roten Riesling und Riesling. Gehaltvolle Weine entstehen aus den nahezu vergessenen Sorten.

Es passiert so einiges im Weingut. Frederik zu Knyphausen führt in achter Generation das Weingut. Gemeinsam mit seinem Kellermeister fokussiert er sich noch mehr auf die Tradition des Weinbaus. Keineswegs langweilig. Im Gegenteil. Bei beiden ist die Freude über ihre Weine zu spüren. Biologischer Anbau, selektive Lese, schonender Ausbau und langes Hefelager bringen kräftige und lagerfähige Weine hervor. Arnes Lieblingswein ist der Charta-Wein. Ohne Frage, opulent und schmelzig, voller Mineralität.

Ich selbst bin sehr vom 1818er angetan. Ein 2017er Riesling feinherb, Gutswein. Präsente Fruchtnoten, frische Säure, hohe Qualität. Für mich ein toller Wein - gerade an den heißen Tagen. Für 8,90 Euro hat man da viel Wein in der Flasche. Das passende Pendant ist der 1141er. Eine trockene Riesling-Alternative.

Den Knyphausens gelingt eine sympathische Verbindung zwischen Weintradition und Lifestyle. Und ich habe noch gar nicht von den Konzerten und Veranstaltungen im Draiser Hof geschrieben. Gerade das Festival Heimspiel Knyphausen, von Liedermacher Gisbert zu Knyphausen kreiert, ist das Open-Air-Festival des Rheingaus - jetzt am Wochenende.

Individualität, Tradition und Verantwortung prägen dieses Weingut, seine Akteure und die Weine. Wenn Schmetterlinge nicht gerade auf der Suche nach Wolken sind, dann findet man sie bestimmt hier.

Mehr Infos unter www.baron-knyphausen.de.




Dienstag, 19. Juni 2018

Fußball, Wein und Damen

Die neue Linie aus dem Weingut Castell.
Der verstorbene Friedensnobelpreisträger und Bundeskanzler Willy Brandt erzählte gerne folgenden Witz: "Was ist relativ? Fünf Flaschen im Weinkeller sind wenig. Fünf Flaschen in der Bundesregierung sind viel."*

Nun, die Zeiten sind zu ernst, um sich einfach einem Witz hinzugeben. Gleichwohl, ich weiß nicht, ob fünf Flaschen Wein zur Bewältigung der vielfältigen Krisen, die uns umgeben, ausreichend wären. Krisen, die mehr als Herausforderungen sind, allerorten:  von Berlin bis München, von Washington bis Peking, von London bis Brüssel, von Frankfurt bis Moskau. 

Wie komme ich jetzt auf Fußball? Für unsere Mannschaft ist es am Sonntag nicht so glücklich gelaufen, um es halbwegs zurückhaltend zu formulieren. Es war das erste Spiel, und anschließend eine mediale Hinrichtung. Da werden wir seit Wochen auf allen Kanälen mit Vorberichten und noch mehr Werbung malträtiert, und dann verlieren unsere Jungs gegen Mexiko. Gegen Mexiko! Jetzt wissen natürlich alle (und wussten es eh schon vorher), es lag an der Aufstellung.

'Aufstellung' ist das Zauberwort. Wahrscheinlich wird es sogar noch Wort des Jahres. Alles ist und muss irgendwie aufgestellt sein, am besten 'neu'. Es trifft alle Bereiche unseres Lebens, selbst Weingüter - am Ende geht es halt immer um Flaschen.

Dem Weingut Castell ist da z. B. eine Aufstellung mit der neuen Linie "DIE GEFÄHRTEN" gelungen, die einfach Lust macht. Individuell und irgendwie ganz anders - ungewohnt für das traditionsbewusste Adelsgeschlecht aus Franken, welches 1057 erstmals erwähnt wurde und mindestens seit 1224 Weinbau betreibt. Schwere Rotweine, lagerfähige Weißweine, einzigartige Silvaner, beste Qualitäten - dafür steht das herausragende VDP-Weingut mit seinen 70 ha Weinbergen am Steigerwald. Immer mit dem Wappen des Fürsten auf dem Etikett, meist im Bocksbeutel präsentiert. Dezent. Und jetzt: bunte Etiketten mit den Bildnissen von Frauen. Und was für Frauen! Die Pressemitteilung überschrieb das Fürstlich Castell'sche Domänenamt dann auch mit der Aussage "Tradition mit Augenzwinkern".

Ein Hauch von Glamour umweht Castell

Weingutsleiter Peter Geil muss ob meiner Überraschung leicht grinsen. Nein, man bleibe selbstverständlich den eigenen hohen Qualitätsansprüchen treu. Ausgesuchte Lagen, intensive und schonende Pflege der Weinberge, selektive Handlese und lange Lagerung auf der Feinhefe seien einige der Voraussetzungen für diese neue Wein-Linie. Historischen Casteller Persönlichkeiten sind die einzelnen Weine gewidmet. Dabei werden Tradition und Geschichte eben nicht zum kitschigen Sehnsuchtsort, sondern zur geistvollen Orientierung. Es sind die Damen des Hauses, welche über die Jahrhunderte hinweg wesentlich die Geschicke der ehemals kleinen Grafschaft prägten. Wirklich Zeit, sie hervorzuheben.

Gräfin Sophia Juliana baute 1659 nach dem 30-jährigen Krieg mit ihrem Mann erstmals den Silvaner in Deutschland an, heute noch ein Markenzeichen des Weinguts. Oder Gräfin Amalia, die mit ihrem Gatten den Übergang in das Königreich Bayern managte. Eine sehr gebildete und engagierte Dame in der Zeit der Romantik. In jener Zeit wirkte es geradezu als Affront, wenn Frauen sich geistig und künstlerisch emanzipierten. Ihre 'Patenschaft' für den Riesling in der Wein-Linie ist mehr als nur Ausdruck einer Wertschätzung, es ist ein Bekenntnis.

Kritiker mögen einwenden, das Weingut bringe 'Lifestyle-Weine' auf den Markt. Nein, Castell bleibt natürlich und authentisch. Typische Frankenweine, charaktervoll und markant; Weine mit Überraschungspotenzial:

Vollmundig, würzig mit leichten Birnenaromen präsentiert sich der 2017er Silvaner trocken. Ich mag die Bezeichnung Sommerweine nicht, aber diesen Wein mit einem leichten Bergkäse, Schinken und Brot auf der Terrasse genossen, einfach wie Urlaub. Und die feine Mineralität, die Aromen von Apfel, Pfirsich und Ananas des 2017er Riesling trocken - für mich im Rheingau eine echte Alternative.

Der 2017er Weissburgunder/Grauburgunder begeistert mit seiner Cremigkeit und seinem Schmelz. Den mag ich einfach so genießen. Nicht zu vergessen, der 2016er Rotwein trocken. Ein Cuvée aus Spätburgunder und Merlot mit den Aromen von Waldbeeren, Mokka und dunkler Schokolade.

Dem Weingut Castell ist eine wirklich eindrucksvolle Aufstellung gelungen. Gratulation! Ach, wir brauchen einfach mehr Gefährten in unserer Welt. Auch am Samstag gegen Schweden.


Mehr Infos unter www.castell.de.



*Zitiert aus Willy Brandt "Kommen Sie aus Deutschland oder aus Überzeugung?" Politische Witze; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2013, S. 136


Donnerstag, 31. Mai 2018

Leidenschaftliche Ouvertüre

2015er Schloss Westerhaus Spätburgunder Holzfass trocken
Bei Opel denke ich immer an Wein. Guten Wein. Aus Rheinhessen. Mit Autos habe ich es nicht so. Ein Auto muss fahren, funktionieren, mich möglichst sicher von A nach B bringen. Fertig. Mir sind auch immer diese Autorennen, ein ewiges Fahren im Kreis, fremd geblieben. Eine Vergötterung von Konstruktion, Technik und Maschine.

Pferdekoppeln mit stolzen, kraftvollen Hengsten und Stuten begleiten die schnaufende Auffahrt in meinem 13 Jahre alten Wagen zu Schloss Westerhaus auf dem Westerberg bei Ingelheim am Rhein. Auf dem Plateau angekommen, lohnt ein kurzer Halt an der Kreuzung, nicht nur, weil schwere Traktoren einfach Vorfahrt haben. Es ist der Ausblick, die Weite, die ein Innehalten geradezu fordert. Geradeaus weitere Pferdeweiden, rechts in Sichtweise das berühmte Gestüt Westerberg, links geht es an Bäumen, Wiesen und Pferden vorbei zum Schloss. Ein geschichtsträchtiges Anwesen seit Beginn des 15. Jahrhunderts, erstmals 1408 urkundlich erwähnt. Das größte Hofgut Rheinhessens wurde im Oktober 1900 von Heinrich Opel (damals noch ohne 'von'), einem Sohn des legendären Adam Opel, erworben. Heinrichs Urenkelinnen Aline und Ivonne betreiben heute mit ihren Ehemännern das Gestüt bzw. das Weingut.

Mich interessieren die Weine. Einen Besuch im Gestüt wird sicher keiner meiner Leser erwarten. Ich auf einem Pferd - was wäre das für ein Bild. Und welch Bestrafung für das arme Tier! Nein, es genügt, wenn sich mein fahrbarer Untersatz immer mehr bedenklich zur Fahrerseite neigt.

Später werde ich aus dem Selztal hinauf auf das Schloss blicken. 15 ha gutseigene Weinberge schmiegen sich an den Westerberg, schlängeln sich halbkreisförmig empor und münden geradezu im Schloss. Es sieht alles so einfach, geradezu spielerisch und auch musikalisch aus. Aus dem Tal wirken die Rebstöcke wie Teil eines grandiosen Orchesters. Die Luft atmet die Leidenschaft der Weinmacher um Gräfin Ivonne und Graf Johannes von Schönburg-Glauchau, die dieses VDP-Weingut führen. "Der beste Wein wird im Weinberg gemacht", schreibt Kellermeister Karsten Peter auf der Homepage des Gutes. Klingt logisch und selbstverständlich. Ist es aber in unserer schnellen, hektischen Welt nicht. Neben ungeheurem Respekt vor der Natur hat sich das Weingut etwas sehr Seltenes bewahrt: Zeit.

Nachhaltige und schonende ganzjährige Weinbergspflege, Handlese, intensive Selektion und lange Fassreife bringen einen Wein von einer wirklich angenehmen Fülle und dezenten Kraft hervor. Ich trinke übrigens gerade bei diesen Temperaturen einen ganz leicht gekühlten 2015er Schloss Westerhaus Spätburgunder Holzfass trocken. Dazu höre ich eine wundervolle Ouvertüre von Bach - Suite Nr. 3 in D-Dur. Beides ein wirklicher Genuss.

Auf 35 % der Weinberge von Schloss Westerhaus wird Spätburgunder angebaut. Und ja, dieser Gutswein ist eine Ouvertüre. Ein harmonisches Konzert von Sauerkirsche, Beeren, Tabak, Gewürzen. 16 Monate gelagert und gereift im Stückfass, danach noch sechs Monate Flaschenreife. Jetzt im Verkauf. Für 9,50 Euro die Flasche (0,75 l).  Ein Wein, der mich begeistert. Eine Antwort auf die ewige Frage: Gibt es guten deutschen Rotwein. Ja. Und was für welchen!

Mehr Infos unter www.schloss-westerhaus.de.



Donnerstag, 22. März 2018

Addschee in Lorch!

Eine ausgezeichnete Weinauswahl im Weingut Mohr.
Der Rheingau ist schön. Es ist eine vielfältige Schönheit, die diese Region prägt. Mal sind es die Weiten des Tals mit seinen vornehmen Schlössern und den weithin sichtbaren Weinbergen, mal die Enge des Mittelrheintals mit seinen Steilhängen und martialischen Burgen. Ein überschaubares Gebiet und doch so unterschiedlich. Dabei sind es gerade diese Kontraste, die den Rheingau ausmachen. Von der Kurfürstlichen Burg in Eltville über Schloss Johannisberg bis zum Binger Mäuseturm und der Martinskirche in Lorch. Alles eine Einheit. Während in früheren Zeiten der Mainzer Kurfürst zeitweise in Eltville residierte, Johannisberg ursprünglich Bischhofsberg heißen sollte, kurfürstlicher Zoll am Mäuseturm erhoben wurde, diente Lorch zu jener Zeit als rechtsrheinischer Grenzort des Kurfürstentums. Die große und markant herausstechende Lorcher Kirche trägt den Namen des Mainzer Bistumspatrons, St. Martin. Ein Monument gotischer Baukunst. Viel zu groß für eine 'Grenzfeste'. Auch die Ausstattung - im Rheingau selten. Sei es der wertvolle Hochaltar aus Holz, die wunderschöne Trauben-Madonna aus der Mitte des 14. Jahrhunderts (heute gegenüber im Museum zu besichtigen) oder die unvergleichliche Lorcher Turmmonstranz aus der Zeit um 1420. Lorch war bedeutsam. Ist es noch heute. In keinem anderen Ort im Rheingau spürt und atmet der geneigte Besucher dieses fragile innere Streben nach Einheit von Geschichte und Zukunft, von Tradition und Offenheit. Wer eine Identität des Rheingaus sucht, hier wird er fündig.

Es ist ein herzliches Willkommen im Weingut Mohr. Der Winzer Jochen Neher sieht mich schon, bevor ich klingele. Und ohne lange Vorrede sind wir gleich auf einem Rundgang durch das Weingut. Alles ein wenig beengt. Kleine Häuser, enger Raum - im alten Kern von Lorch ist nicht viel Platz. Jochen Neher beklagt sich nicht. Im Gegenteil. Den Standort beizubehalten, war eine bewusste Entscheidung. Dabei hätte eine Aussiedlung viele Möglichkeiten eröffnet. Im Gut des Urgroßvaters Wilhelm Mohr III. zu bleiben, ist ein Ausdruck von Verbundenheit. Mehr noch, es ist Überzeugung und Standfestigkeit.

Jochen Neher ist ein ruhiger Typ. Präsent. Nicht aufdringlich. So sind auch seine Weine. Er nimmt sich Zeit für sie und lässt ihnen diese auch. Ohne Übertreibung: Die Weine des Weinguts Mohr sind eine Hommage an die Rheingauer Landschaft und Natur. Der Winzer Neher macht seine Weine dort, wo er herkommt. Dort, wo sein Urgroßvater 1875 mit dem Weinbau begann. Dessen jüngste Tochter vermählte sich mit dem Bad Homburger Dr. Peter Neher. Über die Hausmusik lernten sie sich kennen. Und Jochen Nehers Vater, Wolfgang, fand seine Frau in Rheinhessen. 'Vun der anner Seit', wie der Rheingauer sagt. Wer jene Zeiten versteht, weiß, es brauchte Mut und Offenheit.

Mut und Offenheit - so könnte man auch das Credo des Weinguts überschreiben. Jochen Nehers Weine sind nicht alltäglich. Schon gar nicht im Rheingau. Nein, hier ist nichts profan. Wir verkosten den gerade abgefüllten 2017er Weißburgunder trocken. Ich werde nicht alle verkosteten Weine hier vorstellen. Nein, es lohnt sich ein Besuch im Weingut und in der Straußwirtschaft. Ein Muss für jeden, der wirklich gute Weine zu schätzen weiß. Der Weißburgunder überzeugt trotz seiner Jugendlichkeit mit reifen Fruchtnoten, am Gaumen mit einem leichten Karamellgeschmack, einer angenehmen und doch fülligen Säure. Geschmackvoll!

Alle Weinflaschen im Weingut haben einen Schraub- oder Glasverschluss. Die Etiketten erinnern in ihrem Muster an die in der dekorativen orientalischen Architektur verwendeten Girih-Kacheln. Kein Wunder! Just, als mir Jochen Neher dies erklärt, schaut seine Frau, Saynur Sonkaya-Neher, kurz in den Raum. Sie ist in Eile, trotzdem bleibt Zeit für eine fröhliche, ansteckende Begrüßung. Vor über 20 Jahren haben sich der Lorcher und die Türkin auf einer Weinprobe in Essen kennengelernt. Was für ein tolles Paar! Saynur Sonkaya-Neher ist mit ihren Kochkursen - 'KOMM TÜRKISCH KOCHEN' sehr gefragt. Eine spannende, gelebte Verbindung von Rheingau und Orient. Sie wird mir hoffentlich verzeihen, dass ich nicht mehr über die zweite Säule des Weinguts schreibe, obwohl dies allzu verlockend wäre.

Der Weißburgunder wird in einer neuen Linie präsentiert: "TAUSEND & EIN GESCHMACK". Neben den Weinen dieser Linie gibt es vier Klassifikationen im Weingut: KLASSIKER, EDITION, PREMIUM und SOLISTEN. Mit KLASSIKER bezeichnet Jochen Neher feinfruchtige Weine für jeden Tag. Ausgewogene und komplexe Weine finden sich in der EDITION. Die PREMIUM-Weine sind geradezu eine Einladung zu höchstem Weingenuss. Ich weiß, es ist nicht fair, hier auf die Vorstellung der einzelnen Weine zu verzichten. Soviel will ich sagen, es sind durch die Bank weg echte 'Kracher', auch wenn das nicht unbedingt eine weintypische Bezeichnung ist.

Jochen Neher will unkomplizierte Weine, die Spaß machen. Auch noch nach Jahren der Lagerung. Ihm kommt es dabei auf höchste Traubenqualität an. Seine Überzeugung: "Die Natur macht alles richtig, wenn man ihr die Zeit dazu lässt." So werden natürlich auch die besten Weine spontan vergoren. Und alle Weine werden vegan erzeugt. Es braucht keine Zusätze. Seit 2011 ist das Weingut Mitglied im ECOVIN-Verband. 7,5 Hektar werden bewirtschaftet. Mit unendlich viel Handarbeit von Lorch bis Assmannshausen.

Es ist diese Liebe und Hingabe zu seinen Weinbergen und seinen Weinen, die Jochen Neher in seiner Arbeit fesseln. Ohne Frage, bestes Winzerniveau. Damit prahlt er nicht. Eher demütig präsentiert er seine Weine. Vielleicht macht ihn das gerade so authentisch. So zurückhaltend lädt er mich auch zur Verkostung des 2016er Lorcher Schlossberg 34 ein. Ein Wein der gutseigenen Klassifikation SOLISTEN. Boah! Wein von den ältesten Rebstöcken des Rheingaus - 1934 gepflanzt. Im Zeitpunkt der Lese 82 Jahre alt. 300 Liter wurden auf 970 qm geerntet. Aprikose, Pfirsich und noch mehr Fruchtnoten, überwältigend. Dazu Minze und Honig. Wenn es noch einer Überzeugung bedurft hätte, damit wäre sie vollends gelungen. Ein spritziger Riesling voller Kraft und Dauer. Klar, er hat auch eine Speiseempfehlung dafür. Nein, da brauche ich keinen Anlass für. Den genieße ich an einem lauen Sommerabend nur mit besten Freunden.

Wir haben die Zeit aus dem Blick verloren. Es wird höchste Zeit für den Abschied. Andere Verpflichtungen warten schon ungeduldig. Uns bleibt nur ein schnelles 'Addschee'. Dieses wohlklingende Rheingauer Wort 'Addschee' hört man heute selten. Kaum einer weiß um seine Herkunft und Bedeutung. Im südwestdeutschen Sprachraum kennen wir noch 'Ade'. Beide Worte haben ihren Ursprung im französischen 'Adieu'. Es war die kaiserliche Propaganda im I. Weltkrieg, die diesen seit Jahrhunderten gepflegten französischen Gruß Adieu aus unserer Sprache verdrängen wollte ("Der Deutsche grüsst Auf Wiedersehen!"). Engstirnigkeit äußert sich oft auch in der Sprache. Ich durfte wieder einmal traditionelle Aufgeschlossenheit und weltoffenen Lifestyle erleben und genießen. Ich komme wieder. Versprochen. Addschee in Lorch!

Mehr Infos unter www.weingut-mohr.de
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Donnerstag, 15. Februar 2018

Rheinhessens weinfreudige Vielfalt!

Stefan Braunewell in seinem Element.
Trinkwiderstand wäre Genussverzicht in Rheinhessen. Nicht nur an der Rheinfront, auch im Rheinhessischen Hügelland. Neben der Sortenvielfalt, die hier immer noch sehr hingebungsvoll nahezu in jeder Gemeinde gepflegt wird, begeistert mich bei jedem Besuch das Engagement vieler junger Winzer und Winzerinnen. Oft sind es nicht die klassisch über Generationen geprägten, eher die aus der Mischung von bäuerlicher Landwirtschaft, Obstbau und Weinbau entstandenen Weingüter. In aller Regel mit jahrhundertealter Verwurzelung in der Heimat, aber einer vergleichsweise jungen Konzentration auf den Weinbau. Seit Jahren eine Region im Aufbruch, sagen die einen, immer noch viel Massenwein, sagen die anderen. Rheinhessen - eine Region auf der Suche nach ihrer Identität.

Das ist ja auch nicht ganz so einfach. Nehmen wir z. B. Essenheim. Ein kleiner, nahezu liebenswerter Ort, wenige Kilometer von Mainz entfernt. Hier wurde bereits 1533 die erste protestantische Gemeinde im heutigen Rheinhessen gegründet. Essenheim gehörte als Mainzer Lehen zum Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Und jetzt wird es kompliziert. Der Kirchenzehnte stand ursprünglich der Benediktinerabtei St. Mauritius in Tholey (Saarland) zu, später dem Mainzer Domkapitel. Ab 1533 spielte sich dann regelmäßig bei der Besetzung der Pfarrstelle in Essenheim folgendes Schauspiel ab: Der Herzog ernannte einen protestantischen Pfarrer für Essenheim, das katholische Mainzer Domkapitel prüfte den Geistlichen auf Zuverlässigkeit und vereidigte ihn, die Benediktiner erhielten den Zehnten, der lutherische Superintendent führte die Aufsicht über den Geistlichen. Da kann man schon den Überblick verlieren. Wir sind immer noch im 16. und 17. Jahrhundert. Die Kirche selbst musste von den Benediktinern, später dem Mainzer Domkapitel unterhalten werden, der Kirchturm aber von den Essenheimer Bürgern. Verwirrend. Wer aber schon einmal auf einem Kirchturm gestanden hat, weiß um die Sicht über die eigene Ortsgrenze. So etwas schärft den Blick für Heimat und Herkunft. "Herkunft verbindet" - schreibt sich daher der noch junge Verein MAXIME HERKUNFT RHEINHESSEN auf die Fahne. Mehr als 80 rheinhessische Winzer verpflichten sich zu einer dreistufigen Klassifikation - Guts-, Orts- und Lagenwein - und zur Schärfung eines rheinhessischen Profils. Unter ihnen das Weingut Braunewell in Essenheim.

Ich sitze bei Stefan Braunewell in der Vinothek. Auf dem Hof, ein typischer Aussiedlerhof der achtziger Jahre, hat er mich bei kaltem Regenwetter empfangen. Ohne Umschweife nimmt er mich direkt auf eine Zukunftsreise des Anwesens mit. Die Bauanträge sind gestellt. Ich kann die neuen Gebäude und Veränderungen fast sehen, so farbenfroh und voller Begeisterung erzählt Stefan Braunewell. Die freilaufenden Hühner, eine lebendige und nahezu fröhliche Reminiszenz an die frühere bäuerliche Landwirtschaft der Familie, nehmen unsere Anwesenheit gelassen zur Kenntnis. Sie bewegen sich durch die an den Hof angrenzenden Rebzeilen mit einer Selbstverständlichkeit, als ob sie uns sagen wollten, 'in den Weinbergen bleibt alles so, wie es ist'. Später in der wohligen Vinothek muss ich an die Hühner denken, als mir Stefan Braunewell voller Stolz vom Verein FAIR'N GREEN berichtet. 30 Weingüter in Deutschland sind mittlerweile nach den Regeln des Vereins zertifiziert. Auch das Weingut Braunewell. Nachhaltigkeit im Weinbau. Stefan und sein Bruder Christian leben das aus voller Überzeugung. Ökologie, wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung sind für sie keine Gegensätze. Gemeinsam mit ihren Familien, ihren Eltern Axel und Ursula sowie dem Senior des Hauses, Adam Braunewell, stehen sie für einen ganzheitlichen Ansatz im Weinbau. Sie wissen sich da von einer Familientradition seit 1655 getragen. Eine bodenständige Winzerfamilie mit 25 ha Anbaufläche - im direkten Umkreis zum Hof. Internationale Erfahrung, klare Aufgabenverteilungen, schonende und nachhaltige Weinbergspflege, Holzfassausbau und eine gewisse Portion Experimentierfreude sowie ein sicheres Gespür für Qualität lassen das Weingut regelmäßig Auszeichnungen einheimsen. Dabei ist der Weinbau im Selztal gar nicht so einfach. Lange sogar belächelt. Ein herausforderndes Klima und unterschiedlichste Böden bringen Weine mit Ecken und Kanten, säurebetont und voller Kraft, hervor. Der Charakter des Selztals - ausdrucksstarke, individuelle Weine mit Persönlichkeit.

So ein Wein ist der 2016er Grauer Burgunder trocken. Ein richtiger Zechwein, ein Wein für eine gesellige Begegnung mit Freunden. Leichte Geschmeidigkeit und volle Frucht kennzeichnen diesen Gutswein. Der Wein macht Spaß. Und für 6,50 Euro die Flasche fast geschenkt. Wir verkosten die Grauen Burgunder des Weinguts. Vorweg: Eine wirklich spannende und lohnenswerte Alternative zum Riesling. Rheinhessen ist eben bunt und vielfältig. Opa Adam ist ein Ruländer-Fan. Deswegen baut die Familie heute noch die Reben an. Mit Erfolg. Leicht grummelnd wird er die Umbenennung von Ruländer, benannt nach dem aus Frankfurt stammenden Kaufmann Johann Reger Ruland, zum Grauen Burgunder hingenommen haben. Ein Tribut an den Zeitgeist.

Dem Ortswein 2016er Essenheim Grauer Burgunder trocken stehe ich nahezu sprachlos gegenüber. Was für ein Nachhall! Dieser wirklich komplexe Burgunder mit einer angenehmen Birnennote und - besser als die beiden Brüder kann ich es nicht beschreiben - "ordentlich Druck am Gaumen" lädt zu einem großen Trinkvergnügen ein. Ihr ganzes Können zeigen die Braunewells in ihren Lagenweinen 2016er TEUFELSPFAD Grauer Burgunder trocken (ein echter Weingutsklassiker!) und 2106er KLOPP Grauer Burgunder trocken. Während der Teufelspfad mit einer schönen Note von Zitrone aufwartet und lange die Zunge umspielt, erfreut der Klopp mit einer Mischung aus Marmelade und Salz den Gaumen. Ein aufregender Wein. Spätestens jetzt wird der geneigte Weintrinker zum Burgunder-Jünger. Ganz großes Kino im Glas!

Eine Herausforderung ist der 2016er ORANGE Grauer Burgunder trocken. Man muss Orange-Weine mögen. Diesen lernt man lieben! Im neunten Jahrgang präsentiert das Weingut einen Orange-Wein. Auf der Maische vergoren und wie ein Rotwein ausgebaut, überrascht der Wein mit jedem Schluck mehr. Farblich ein Hingucker, kein Wein für einfach einmal so. Ein besonderes Erlebnis jenseits des Mainstreams.

Stefan und Christian Braunewell sind Typen. So sind auch ihre Weine. Eine Klasse für sich. Essenheim und das Weingut Braunewell sind definitiv mehr als einen Besuch wert.

Mehr Infos unter www.braunewell-wein.de

Freitag, 2. Februar 2018

Das fleißige Lieschen

Es klingt in keiner Weise ironisch, eher nach einer Hommage von Bastian Strebel an seine Frau Lisa Bunn. Er hat die Weinbezeichnungen mit Bedacht und zutreffend ausgewählt.

Die Sonne begleitet mich auf der Fahrt von Mainz nach Nierstein. Dieser verwinkelte Ort mit seinen vielen alten Adelshöfen, traditionsreichen Gütern und seiner Geschichte seit römischer Zeit, zwischen Nackenheim und Oppenheim gelegen, ist einer der größeren Weinbau-Gemeinden Rheinhessens. Mein Blick ruht auf den Rheinauen längs der Bundesstraße. Hochwasser und Sturmschäden haben ihre Spuren hinterlassen. Morbider Charme umfängt mich. Jenseits der Straße erstreckt sich der Rote Hang. Eine Filetlage Rheinhessens. Hier und da Weinbergsarbeiter im Einsatz. Die Sonne gewährt mir an diesem Januartag ein beeindruckendes Farbenspiel. Die Farbe Lila präsentiert sich mir gleich nach der Ortseinfahrt. Das Weingut Lisa Bunn begüßt alle Besucher und durchfahrenden Autofahrer mit dieser prägnanten Farbe. Die Farbe des Weinguts. Die Farbe von Würde und Eleganz. Zutreffend!

Eva Bunn, die Gattin des Seniors Georg, begrüßt mich auf dem Hof mit fröhlichem, ansteckenden Lachen. Eine Britin mit österreichischen und ungarischen Wurzeln, die lange im Saarland lebte - mehr Europa geht nicht. Lisa wird sich verspäten, sie ist noch auf der Baustelle. Gerade werden die vier Standorte des Weinguts auf zwei reduziert. Eva Bunn führt mich in die Vinothek und präsentiert mir den ersten Wein: 2016er fleißiges Lieschen. Ein trockner Riesling aus Guntersblum, 7,90 Euro die Flasche. Es ist irgendwie ein rheinhessisches Understatement diesen Wein als 'Basiswein' zu bezeichnen. Das ist Riesling pur. Leichte, angenehme Fruchtnoten und die geringe Säure lassen mich gleich mit einem zarten, schlichten und angenehmen Geschmackserlebnis starten. Mit Stolz und voller Wärme erzählt Eva mir von Lisas und Bastians Arbeit. Während wir einen kleinen Ausflug zur Scheurebe machen - 2016er Scheu., ein Gaumenschmeichler, kommt Lisa Bunn. Müde sieht sie aus. Kein Wunder: Mutter, Bauherrin, hochgelobte Jungwinzerin. Und doch strahlt sie eine Ruhe und Gelassenheit, eine Fröhlichkeit und Begeisterung aus, die nur Menschen haben, die ihr Können leben. Ihre Präsenz füllt den Raum, und sie mir zur Begrüßung einen 2016er Nierstein Riesling vom Rotliegenden ins Glas. Ein echter Niersteiner. Trocken, saftig, eine angenehme Frische und Würze voller Nachhall. Schon sind wir mitten im Gespräch, konzentriert kommentiert sie ihre Weine, die das Ergebnis einer tiefen und vertrauensvollen Partnerschaft zwischen ihr und ihrem Mann Bastian Strebel sind. Er kümmert sich nicht nur um den Außenbetrieb, im Keller musste er in den letzten 1 1/2 Jahren häufiger auf sie verzichten. Der einjährige Theo fordert seine Mutter.

Lehrerin sollte sie nach dem Willen der Oma werden. Die harte Weinbergsarbeit sei nichts für ein junges Mädchen. Sie hat sich anders entschieden. Wir probieren den 2016er Nierstein Oelberg Riesling. Lisa und Bastian haben ein Faible für trockene Weine. Der Lagenwein, nicht ganz günstig mit 16,50 Euro, ist ein Highlight. Wunderbar eingebundene Säure, harmonisch, eine leichte Pfirsichnote und ein eleganter, angenehmer Abgang. Eine Alternative zu roten Weinen am Kamin. Lisa strahlt, alle Müdigeit verflogen. "Ein typischer Basti-Wein", schwärmt sie beim 2016er Sauvignon Blanc Löss. Und ich bin begeistert. Was für exotische Früchte in der Nase!

Vater Georg kommt in die Vinothek. Er erkundigt sich nach Theo, ob er versorgt sei. Und, ob er für sie den anschließenden Termin wahrnehmen solle. Fürsorge und Verantwortung. Als er seiner Tochter das Weingut übergab, hat sie Zug um Zug viel verändert. Das Angebot an Rebsorten reduziert, die Weinbergsflächen erweitert, die Weinstilistik verändert, das Marketing entwickelt und die Preisgestaltung angepasst. Tradition begegnet der Herausforderung. Lisa weiß sich dabei von ihrem Vater, ihrem Mann und ihrer Familie getragen.

Der 2016er Chardonnay Reserve überrascht mich. Die noch jungen Reben vom Dienheimer Tafelstein wachsen auf einem Kalkboden. Die Trauben handgelesen, wie üblich im Weingut Lisa Bunn. 24 Stunden Maischestandzeit, ein Jahr im Holzfass gelagert. Der Duft von Kaffee und Kakao lädt mich ein. Ein Wein voller Saft, nicht süffig. Die Säure dezent. Der Wein macht Spaß. Ebenso der 2015er Pinot Noir Löss. 15 Monate im Holzfass gelagert, die seit 2014 im Weingut eingesetzt werden. Der Wein hat eine angenehme Leichtigkeit, zarte Noten von Waldbeeren, nicht verspielt, klar und frisch. Ein Rotwein für alle Anlässe. Ich gebe zu, mein Liebling ist ein Merlot. Man möge es mir verzeihen. Aber, der 2014er Merlot Reserve hat es mir angetan. Es ist der erste Merlot-Jahrgang im Weingut. Die Reben 2010 gepflanzt, der Wein zwei Jahre im Barrique gereift. Ein kraftvoller und komplexer Wein. Grüner Tee, Würznoten und ein Hauch von Zartbitterschokolade bestimmen ihn. Ein junger Wein mit Zukunft. Wie Lisa Bunn und ihr Mann Bastian Strebel. Die vielen verdienten Auszeichnungen sind noch nicht die Spitze. Da lohnt sich immer ein Besuch in der Mainzer Straße 86 in Nierstein. Ein Weingut auf dem Weg ganz nach oben.


Sonntag, 14. Januar 2018

Immer wieder Pfalz!

Gerhard, Barbara und Peter Klein
Ich mache es kurz - ich mag die Pfalz, die Menschen dort und natürlich ihre Weine. Besonders die Südliche Weinstraße hat es mir angetan; die Gegend um Landau und Neustadt mit dem Hambacher Schloss. Der bayrische König Ludwig I. (nicht der von Neuschwanstein, der Eisenbahn-Ludwig) nannte es 'mein Toskanien'. An seine Zuneigung zur Pfalz erinnert heute noch u. a. die Villa Ludwigshöhe in Edenkoben. Gut, in der Pfalz wurde auch drei Wochen auf der Reichsburg Trifels 1193 Richard Löwenherz gefangen gehalten. Wir wollen nicht kleinlich sein.

Es ist die Pfälzer Lebensart, die mich begeistert. Sie ist überall spür- und erlebbar. Ein guter Ort dafür ist die Vinothek PAR-TERRE in Landau. Für mich eine der schönsten Vinotheken Deutschlands. Hier präsentieren 55 Winzer ihre Weine. Auch das Weingut Klein aus Hainfeld. Über dieses Gut habe ich schon einmal kurz geschrieben. In der Pfalz wird in 144 Orten von mehr als 3.500 Winzern auf etwas mehr als 23.000 Hektar Fläche Wein angebaut. Die Familie Klein macht dies schon seit mehr als 350 Jahren - eine moderne Familien-Dynastie.

Schneegestöber liegt in der Luft. Es ist einer jener seltenen kalten Wintertage. Die Familie Klein hat zur Jahrgangspräsentation eingeladen. In der Kelterhalle Stimmengewirr, immer wieder fröhliches Lachen und ein wunderbarer Duft - pfälzische Hausmannskost. Gerhard Klein, die Bezeichnung 'Senior-Chef' wäre beleidigend, verabschiedet gerade Kunden aus Baden-Württemberg. Seine Kinder, Barbara und Peter, kümmern sich um neue Gäste und Besucher. Das Weingut trägt längst die Handschrift der beiden - Tradition und Kreativität. Stolz und dankbar sind sie. Mit ihrem 2015er Syrah -S- trocken haben sie gerade den 1. Platz beim Meininger Rotweinpreis - internationale Rebsorten - errungen. Die Kleins leben den Weinbau.

Ich verkoste den 2016er Weißburgunder trocken (6,50 Euro /0,75 l). Ein Wein voll saftiger Frische und gut eingebundener Säure. Mein Wein für jeden Tag. Barbara Klein lässt ihr Glas an der Verkostungstheke stehen, sie wird in der Küche gebraucht - flink bringt sie den Gästen die bestellten Speisen. Für jeden bleibt aber Zeit für einen kurzen Plausch. In der Zwischenzeit bin ich zum 2016er Riesling Letten trocken (13,50 Euro/ 0,75 l) gewechselt. 40 ha umfasst diese Weinlage in Hainfeld - Lehm, Kalk und Ton bestimmen die Böden. Was für ein Schmelz! Ein komplexer und doch sehr eleganter, konzentrierter Wein mit einer wunderbaren Aromenvielfalt.

Aus der gleichen Weinlage kommt der 2016er Chardonnay Letten trocken (14,50 Euro/ 0,75 l).  Ein kraftvoller, genussreicher Wein. Peter Klein bezeichnet ihn als 'selbstbewusst'. Ich muss schmunzeln. Und doch, man schmeckt Frankreich im Glas. Ich wähne mich für einen Augenblick im Elsass. Würznoten gepaart mit einer unglaublichen Fruchtfülle. Exotik pur. Den 2016er Weißburgunder vom Kalkmergel trocken (9,00 Euro/0,75 l) hätte ich vorher verkosten sollen. Ein wunderbarer Terroirwein. Apfel, Zitrone und eine sehr angenehme Nussnote. Ich ärgere mich - nach dem Chardonnay Letten trocken werde ich diesem Wein nicht gerecht. Dabei ist die Qualitätspyramide der Kleins sehr einfach - Rebsortenweine, Terroirweine und Lagenweine. Erst einmal ein Wasser. Drei Rotweine habe ich mir noch vorgenommen. Über den Syrah -S- trocken haben jetzt schon so viele Autoren geschrieben. Ich habe ihn einfach genossen - was für eine harmonische Kraft; Minze, Schokolade, ein Anklang von Kaffeenoten.

Der Syrah ist schon ein Highlight. Überrascht hat mich aber auch der 2015er St. Laurent S trocken (10,00 Euro/0,75 l). Vanille, Zimt und Waldbeeren, unaufdringlich und doch nachhaltig am Gaumen. Und dann kommt Peter Klein mit dem 2015er Rhodter Schloßberg Tempranillo (25,00 Euro/0,75 l) um die Ecke. Tempranillo in der Pfalz! Ja, ohne Frage ein echtes Erlebnis: dezente Eleganz und voller Kraft, eine aromatische Fülle, die dem Wein eine angenehme Leichtigkeit verleiht. Die Kleins sind eben Pfälzer. Die können es! Da bleibt mir nur: Zum Wohl. Die Pfalz!

mehr Infos unter www.kleinwein.com

Mittwoch, 10. Januar 2018

Allendorf - eine sichere Bank!

An diesem Beitrag bin ich fast verzweifelt. Ich will über einen wunderbaren Wein schreiben, und wer fällt mir auf den Schreibtisch: Johann Wolfgang von Goethe. Immer wieder Goethe. Mann, Geheimrat! Er war ein großer Rheingau-Liebhaber, was ihn zusätzlich ehrt; den schmunzelnden Leser nicht zwingend. Und, er hat gelegentlich so pointiert formuliert, dass diese Aussagen bis heute an ihrer Aktualität nichts verloren haben.

Einen Ort im Rheingau nennt er schlicht 'Langenwinkel' und schreibt, "ein Ort bis zur Ungeduld des Durchfahrenden in die Länge gezogen." Bettina von Arnim hat so manchen Brief an ihn mit dem Absender 'Weinzell-Winkel' versehen. Ich bin mitten in Winkel, dem wohl - Eltviller und Rüdesheimer mögen es mir verzeihen - traditionsreichsten und authentischen Rheingauer Ort. Hier spiegelt sich das Kulturland Rheingau in ganz besonderer Weise. Es wäre keine geringe Herausforderung, einen Spannungsbogen von dem großen Hrabanus Maurus - dem Verfechter der karolingischen Renaissance - bis zur melancholischen 'Muße der Romantik', Karoline von Günderrode, zu ziehen. "Das Bewusstsein des Genusses liegt immer in der Erinnerung." Keine Sorge, ich werde diesen Satz Günderrodes nicht einem philosophischen Exkurs unterwerfen. Nur, nachdenkenswert ist er gleichwohl.

Sie erdolchte sich selbst am 26. Juli 1806 am Rheinufer in Winkel. Vielleicht wusste sie um den mittelalterlichen Galgengipfel in Ufernähe. Möglicherweise kannte sie aber auch die Geschichte der Lützelau. Jener Ort am Winkeler Rheinufer (Die Lützelau war keine Insel. Seit der wunderbaren Abhandlung von Rudolf Rosensprung 1962 in den Mitteilungen der Gesellschaft zur Förderung der Rheingauer Heimatforschung e. V. ist dies unstreitig.) war der Rheingauer Versammlungsort und Gerichtsort bis weit ins 17. Jahrhundert hinein. Hier hielten die Abgesandten der Rheingauer Gemeinden am 27. Mai 1324 die ihnen von jeher bekannten Rechtsverhältnisse schriftlich fest - das Rheingauer Weistum. Rechtsschutz, Marktrecht mit Mainz, keine Leibeigenschaft - nur drei Punkte einer umfangreichen Rechtssetzung. Hochaktuell dürfte ein damals wohl sehr liberales Einwanderungsrecht gewesen sein. Jeder 'Armmann' und verfolgte Unfreie aus anderen Regionen durfte Schutz im Rheingau suchen. Sehr bildhaft wird im Weistum die aktive Unterstützung durch die Beamten des Erzbischofs dargestellt. Wurde die Hilfe unterlassen, entstand ein Schadensersatzanspruch. Ja, jeder 'Armmann' - gleich welcher Herkunft - konnte Rheingauer Bürger werden.

Kurfürst Albrecht von Brandenburg höhlte nach den Bauernkriegen diese Rheingauer Freiheiten immer mehr aus. Er hatte auch ein Faible für die 1534 gegründeten Jesuiten. Wenn wundert es. Allerdings wird der Orden erst unter Johann Schweikkard von Kronberg in Mainz ansässig. 1606 überträgt er ihnen auch eine Weinlage, Gehöfte und die Kapelle St. Bartholomae in Winkel. In unmittelbarer Nähe zur Lützelau. 1616 bauen die Jesuiten auch die Alte Universität in Mainz (Domus Universitatis). Ihre Hauskirche ist die Taufkirche Johannes Gutenbergs - St. Christoph. 1773 wird der Orden aufgelöst. Einer ihrer Gegner ist der Mainzer Erzbischof Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim. Zeugnisse seiner großen Baulust in der Mainzer Altstadt sind z. B. St. Ignaz und die Augustinerkirche - er wollte keine 'Bauernkirchen' in seiner Stadt. Im Volksmund hieß jener Bischof aufgrund seiner Trinkfreude nur "Emmerich Josef von Breifass-Schütt-es-rein". Er zog alle Besitzungen der Jesuiten ein. Auch die Weinlagen in Winkel - heute der 26 ha große Jesuitengarten. Eine ganz außergewöhnliche Rheingauer Weinlage. Schwemmböden - Sand, Lehm und Kies, nach Süden und Südwesten ausgerichtete Weinberge - ideale Lage für ausdrucksstarke Rieslinge.

Hier kommt der 2016er Winkel Jesuitengarten Riesling GG des VDP-Weinguts Allendorf her. Die Familie Allendorf ist eine alte Rheingauer Familie - wahrscheinlich waren Vorfahren auch bei der Rechtssetzung 1324 dabei. Zuzutrauen wäre es ihnen. Immerhin sind sie bis ins Jahre 1292 nachweisbar. An vielen Orten haben Allendorfs gewirkt (das heutige Schloss Reinhartshausen gehörte im 14. Jahrhundert den Rittern von Allendorf). In Winkel sind sie daheim. Hier bauen sie seit 1773 Wein an. Heute mit 75 ha das größte familiengeführte Weingut im Rheingau. Ein Verdienst des außerordentlich engagierten Uli Allendorf und seiner Schwester Christine Schönleber. Eine große Familie. Alle packen an, machen mit, gehören dazu. Gelebte und herzliche Tradition. Nach und nach tragen die Weine des Guts die Handschrift von Kellermeister Max Schönleber - Sohn von Christine und Betriebsleiter Josef Schönleber. So auch der 2016er.

Ich weiß, ich hätte den Wein noch nicht trinken sollen. Ein Hochgenuss. Trotzdem. Jung, voller Potenzial. Feinfruchtige Eleganz. 'Ein Maul voll Wein' - wie der Rheingauer sagt. Und mit einer ungeheuren Kraft am Gaumen. Hätte ich den passenden Weinkeller und - ganz wichtig - Geduld, ich würde mir sofort einige Kisten in eben diesen legen und 20 Jahre warten. Dann aber, jeden Monat wenigstens eine Flasche. Vielleicht warte ich aber nur bis Ostern oder auch nur bis nächste Woche oder bis morgen oder trinke ihn einfach jetzt. Dabei denke ich an eine andere große Rheingauer Dichterin - Adelheid von Stolterfoth. Bei jedem Schluck dieses Weines zitiere ich die letzte Strophe ihres Rheingau-Gedichts:

"Wer auch am Göttertisch ein edler Zecher,
Der fülle dann mit rhein'schem Gold den Becher,
Er heb' ihn hoch, er schlürf ihn fröhlich ein
Und rufe laut: Gepriesen sey der Rhein!"

2016 Winkel Jesuitengaren Riesling GG
VDP.GROSSES GEWÄCHS
Riesling trocken
25,00 Euro/ 0,75 l
Mehr Infos unter www.allendorf.de

Dienstag, 12. Dezember 2017

Edel sei der Mensch. Und der Sekt ein Pfälzer!

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!", schreibt Johann Wolfgang von Goethe 1783 in seinem Gedicht "Das Göttliche". 10 Strophen, kein Versmaß und kein erkennbares Reimschema. Ihm ist die zeitlose Botschaft wichtiger. Es klingt nach einer Conditio humana. Jeder kennt diesen ersten Satz, diesen Dreiklang - edel, hilfreich und gut. Eine immerwährende Aufforderung. Irgendwie auch tagesaktuell, nicht nur im Advent. Der Mensch "kann dem Augenblick Dauer verleihen", heißt es am Ende der 7. Strophe.

Michael Andres und seine Kollektion
Es ist einer dieser unwirtlichen Samstage im November. Ich bin in der Pfalz unterwegs. Habe schon einen Weingutsbesuch hinter mir, und in einem kleinen Gut übernachtet. Jetzt werde ich in Ruppertsberg erwartet. Eine kleine Gemeinde, wie es derer viele in der Pfalz gibt. Die Pfalz ist groß - es ist die "Kelter Europas", von der der General Harras in Carl Zuckmayers "Des Teufels General" spricht. Eine Region der gewachsenen Vielfalt.

Die Sektkellerei liegt am Ortseingang, und doch leicht versteckt. Keine übergroßen Werbetafeln. Ein moderner, zweckmäßiger Bau, dabei keine Platzverschwendung - Grund und Boden sind ein hohes Gut. Konzentration auf das Wesentliche. Ich bin in der Sektkellerei ANDRES & MUGLER. Im Sommer durfte ich beim 1. SparklingFestival in Frankfurt Steffen Mugler kennenlernen. Die Sekte begeisterten mich. Der Winzer auch. Jetzt treffe ich Michael Andres. Die beiden haben über ein Hobby - das Motorrad - zur gemeinsamen Sektkellerei, die sie 1989 gründeten, gefunden. Beide stammen aus Winzerfamilien, beide selbst Winzer, waschechte Pfälzer. Jeder hat sein eigenes Weingut gegründet, welche die Grundweine für die Sekte liefern.

Wir trinken 2013er Cuvée Elena brut. Was für Fruchtaromen! Und ein unbändiger Nachhall. Chardonnay, Auxerrios und hell gekelterter Schwarzriesling - eine einmalige Vermählung. 30 Monate auf der Hefe. Passt wunderbar zu Rinderbraten oder einfach nur zum Käse. Mit 16,00 Euro ab Hof in meinen Augen zu günstig.

Auf die Grundweine kommt es an. Michael Andres ist ein Mann der leisen Töne, von einer aufmerksamen und bedächtigen Offenheit. Zugleich brennt er, wenn es um die Rebstöcke und Weinberge geht. Kein Wunder, steht er doch für organisch biologischen Weinbau. Gute Sekte brauchen gute Weine. Das Hauptaugenmerk in beiden Weingütern liegt auf den Weinbergen. Das ist arbeitsintensiv, bringt aber außerordentlich mineralische und individuelle Weine hervor. So werden optimale, rebsortentypische Aromen erreicht, die eindrucksvoll das Terroir widerspiegeln. Es ist die 'Freiheit des Weglassens', die die biodynamische Arbeit prägt. Engagiert wird auch der sanfte Rebschnitt verfolgt. Die Rebstöcke sehen dann zwar nicht ganz so gepflegt aus, wie es der Spaziergänger am Sonntag erwartet, aber es wird eben der Saftfluss in der Rebe nicht gestört, was am Ende der Weinqualität zuträglich ist. Beim Rebschnitt wird nur junges Holz entfernt und der angeschnittene Trieb an der Basis der Fruchtrute des Vorjahres belassen, sodass ein Anschluss an die bereits entwickelten Leitgefäße gegeben ist. Eine Methode aus Südtirol, die sehr im Kommen ist, hier schon umgesetzt.

Als "ungeschminkten Sekt" bezeichnet Michael Andres seine Sekte. Es ist keine aufgesetzte Bescheidenheit, die da spricht, eher Demut vor der Natur. Eine sorgfältige Standortwahl für die jeweiligen Rebsorten, nachhaltige und bewusste Pflege der Weinberge, intensive Selektion vor der Lese, ausschließlich Handlese, schonendes Pressen des Mostes, elegante Vermählung, keine Behandlung mit Schönungsmitteln, lange Hefelagerung - handwerkliche Sektherstellung voller Passion und Können. Ausdrucksvolle Sekte mit Persönlichkeit sind das Ergebnis.

Verliebt bin ich in den Chardonnay Auxerrois brut. Muss ich auch. So, wie dieser Sekt mit meiner Zunge flirtet, meinen Gaumen umschmeichelt. Der rassige Chardonnay und der körperreiche Auxerrois - es entsteht eine spielerische Rauchigkeit, die dem Augenblick tatsächlich Dauer verleiht. Für 15,00 Euro ab Kellerei ein wertvolles Schnäppchen.

In dieser Sektkellerei ist mir wieder Liselotte von der Pfalz eingefallen, die Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans. Nach Frankreich verheiratet, wurde die Schwägerin von Ludwig XIV. ungewollt zum Spielball im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Nach ihrem Tod am 08. Dezember 1722 sagte Pater Cathalan in seiner Trauerrede: "Ich kenne niemanden, der so stolz und großherzig und doch keineswegs hochmütig war; ich kenne niemanden, der so gewinnend und liebenswürdig und doch keineswegs lasch und kraftlos war; eine besondere Mischung aus germanischer Größe und französischer Umgänglichkeit tat sich kund, heischte Bewunderung. Alles an ihr war Würde, aber eine anmutige Würde. Alles war natürlich, ungekünstelt und nicht eingeübt. Sie spürte, was sie war, und ließ es die anderen spüren. Aber sie spürte es ohne Überheblichkeit und ließ es die anderen ohne Verachtung spüren." So sind die Pfälzer. Und ihre Sekte!



Dienstag, 3. Oktober 2017

Weinzeit

Deutscher Rotwein? Ich bin da immer skeptisch. Wir sind doch ein Weißwein-Land. Jetzt wird der eine oder andere Weinkenner und auch Winzer schon die Nase rümpfen. Natürlich gehöre Rotwein zum Weinland Deutschland; seit Jahrhunderten und übrigens erst recht seit dem Klimawandel. Ja, um der historischen Betrachtung gerecht zu werden: Rote Burgundersorten dominierten über Jahrhunderte unsere Weinberge. Nicht zuletzt durch die hierzulande nahezu ewig wirkenden Zisterziensermönche. Der Riesling und andere Weißweine präsentieren sich in ihrer Vielfalt erst seit etwas mehr als 300 Jahren. Zugleich gab und gibt es auch in Deutschland 'klassische' Rotweinzentren. Und, viele Weingüter haben heute Rotwein in ihrem Portfolio, weil es der Kunde doch erwartet. Kundenbindung.

Ganz subjektiv ist mir jedoch Rotwein von deutschen Winzern oft zu flach oder zu teuer. Der Preis - ein altes Thema. Wann ist ein Rotwein gut? Die Antwort lautet nicht, wenn er günstig ist. Auch nicht, wenn er Potenzial hat. Mein Credo lautet, der geneigte Leser und die geneigte Leserin wissen es, wenn er schmeckt. Stimmt, wird jetzt der eine oder andere sagen. Aber, Achtung! Der weintrinkende Mensch ist verführbar. Und wie! Gerade jetzt im Herbst. Es ist die spannendste Zeit im Jahresgenuss. Ein Spektakel der Sinne, der olfaktorischen und gustatorischen Wahrnehmung. Jahreszeitliche Küche mit erstklassigen Ingredienzien, Wildgerichten, Eintöpfen und schon in wenigen Wochen den traditionellen Gansessen - der Herbst macht Spaß. Für Genießer allemal.

Früher, um noch einmal an die historische Betrachtung anzuschließen, war das anders. Oft war Schmalhans der Küchenregent. Unser Wort Sammelsurium kommt z. B. aus dieser Zeit. Sammelsur - ein meist saurer Eintopf aus Speiseresten. Es gab eben noch keinen Frische- und Lieferdienst. Die Versorgungslage war auch für den Adel nicht einfach. Gut, man hatte mehrere Burgen und Schlösser, Güter und Höfe. Das Problem: Transportwege und Haltbarkeit. Fürsten, Könige und Kaiser waren daher oft auf Reisen. Nicht nur zur Bewahrung ihrer Macht in ihrem Herrschaftsgebiet, sondern auch zur Sicherstellung der Versorgung des eigenen Hofstaats. Das Zeitalter des Reisekönigtums. Die Zeiten ändern sich, Supermärkte, Versandhändler und Onlineshops bieten eine rundum sorglose Verpflegung an. Oft Masse, manchmal Luxus - selten Klasse.

Kürzlich war ich in Rüdesheim im Weingut Georg Breuer zu einer Verkostung des Weinverbunds "Die Güter" eingeladen. Vor 25 Jahren haben sich neun familiengeführte Weingüter aus neun Weinbauregionen zusammengeschlossen, um gemeinsam ihre Weine zu vermarkten. Die Verkostung ist jedes Jahr ein wirklich außergewöhnliches Hochfest guten Geschmacks. Tradition und Moderne, Leistungsfähigkeit und Gemeinschaftssinn, Anspruch und Qualität werden selten so prägnant und unkompliziert präsentiert. Alter Adel, VDP-Güter und erfolgreiche Winzerinnen (!!!) stehen für eindrucksvolle Spitzengewächse.

Und genau hier musste ich meine Meinung über Rotwein aus Deutschland revidieren. Mein persönliches Highlight: ein 2014er Spätburgunder trocken VDP.Erste Lage aus der Domäne Castell im Steigerwald. Aus Franken! Eine zwar sehr populäre Weinregion, aber immer noch ein (neben der Nahe) sehr unterschätztes Anbaugebiet. Kein Silvaner - die wichtigste Rebsorte der Region. Ein Spätburgunder! Aus der Weinlage Reitsteig, die schon seit 1266 zum heute 70 ha großen Weingut des Fürsten Castell gehört. Steilhang, lehmig-tonige Böden mit Südausrichtung - ideal für kraftvolle und komplexe Rotweine.

Ein Wein nahezu adliger Eleganz, samtig und mit vollem Bouquet. Röstaromen, Kirschen und ein Hauch von Schokolade bestimmen diesen Wein, der 18 Monate im Holzfass ausgebaut wurde. Das Ergebnis von selektiver Handlese und klassischer Maischegärung passt nicht nur zum Sonntagsbraten. Ein Wein für die Begegnung mit guten Freunden an kühlen Herbstabenden. Und, mein Begleiter für die anstehenden Gansessen. Ich freue mich!

Alc. 12,5 %, 18,00 Euro/0,75 l ab Weingut. Mehr Infos unter www.castell.de




Mittwoch, 30. August 2017

Von Kennern, Trinkern und Genießern

Immer, wenn ich über Wein lese, die vielfältigen Weinbeschreibungen und -bewertungen sehe, die nahezu astronomischen Punktzahlen für so unendlich viele Weine begründet bekomme, bei Facebook in den einzelnen Weingruppen die manchmal mit ungeheurer Vehemenz geführten Diskussionen über den einen oder anderen Weinstil zur Kenntnis nehme, und immer wieder über die Vielfalt der Weinwelt staune, dann fällt mir Sokrates ein - „οἶδα οὐκ εἰδώς” (von Cicero leicht fehlerhaft mit “Scio me nihil scire” - “Ich weiß, dass ich nichts weiß” übersetzt). Ich bewundere die oftmals sehr geschliffenen Verkostungs-notizen, die mit elektrisierender Hingabe beschriebenen Weine – ich stelle mir dann vor, wie der oder die weinaffine Schreiber oder Schreiberin bei der Verkostung außer Rand und Band gerät, der probierte Wein ein Heilsversprechen darstellt und der porträtierte Winzer als neuer Messias erscheint. Die Weinwelt ist voller Päpste, mehr als die Katholische Kirche je haben wird – inkl. Gegenpäpste. 
 
Weinbeschreibungen und Verkostungsnotizen können für den gemeinen Wein-konsumenten eine gute und sinnvolle Entscheidungshilfe sein. Sie sind aber keine Offenbarungen. Letztendlich sind sie Ausdruck einer subjektiven Verarbeitung und Bewertung der durch die Sinne aufgenommenen Reize im Gehirn. Nicht mehr und nicht weniger. Wein muss verkauft werden. Es ist ein Markt. Und natürlich soll und muss der Kunde verführt werden – schon beim Kauf. Das heißt nicht, dass alle Beschreibungen und Lobeshymnen falsch sind, manche sind eben nur in meinen Augen absurd. Es darf jeden Weintrinker trösten: Ein mit 95 von 100 Punkten oder mit 5 von 5 Punkten bewerteter Wein kann (und oft trifft das auch zu) in der Tat ein echtes Highlight sein, aber in der Häufigkeit der höchsten Punktvergaben ist dies eben nicht immer der Fall. 
 
Der Konsument muss sich für sein Geschmacksempfinden nicht schämen. Es muss nicht immer alles allen schmecken. Es gibt auch keine Verpflichtung zur Punkte-Gläubigkeit. Bei vielen meiner Weinveranstaltungen erlebe ich Gäste, die nahezu verschämt von ihren 'einfachen' Lieblingsweinen erzählen – oft bei einem kleinen, fast namenlosen Winzer oder gar im Supermarkt gekauft. Nicht immer mein Fall, aber, ihnen gefallen diese Weine. Andere erzählen mir voller Stolz, welche namhaften Güter sie weltweit schon in ihrem Keller hatten und haben. Ob jene in einer Blindverkostung die Weine richtig zuordnen würden? Wer weiß. Es gibt wirkliche Weinkenner. Ja! Vor ihnen verneige ich mich. Nicht jeder, der sich einen tollen Wein leisten kann, darüber ausschweifend schreibt oder ihn gar getrunken hat, ist jedoch einer. 
 
Wein verlangt Demut. Die des Winzers in den Weinbergen und im Keller, die des Konsumenten, der die Arbeit des Winzers zu schätzen wissen sollte. Jeder Wein hat eine Herkunft, eine Geschichte, die er uns erzählen will. Wir trinken ihn zu unzähligen Anlässen. Und hören ihm nicht zu. Dabei erfahren wir nahezu alles über den Wein, wenn er langsam unsere Lippen benetzt, die Zunge umschmeichelt, den Gaumen küsst und uns mit vielfältigen Aromen betört. Er will uns seine Geschichte erzählen – vom Wachsen auf steinigem Boden und seinen tiefen Wurzeln, den warmen Sonnenstrahlen und den kühlen Nächten, seiner Angst vor Sturm und Hagel, den schwieligen Händen der Weinbergsarbeiter, die mit zarter Kraft die Trauben ernten, der Arbeit im Keller und der Freude über seine Reife. Er schmiegt sich an uns, erinnert uns an laue Urlaubsabende, eindrucksvolle Begegnungen, köstliche Essen, verblasste Lieben und hingebungsvolle Freuden. Im Genuss kosten wir Geheimnisse. Salvador Dalí formulierte es einmal ähnlich. Am Ende ist es aber nur Wein, der getrunken werden will. Trinkt, was Euch schmeckt. Aber trinkt! Es ist übrigens die beste Übung zur Entdeckung guter Weine...

Mittwoch, 2. August 2017

Auf nach Lorch!

Rheingauer und Rheingau-Touristen mag es überraschen: Hinter der Bahnschranke in Rüdesheim am Rhein endet nicht die Welt, auch die Fähre nach Bingen ist nicht der letzte Ausweg. Selbst die jahrelangen Baustellen auf der B 42 können mich nicht von einer Fahrt ins Mittelrheintal abhalten - ins UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal. Was für ein klangvoller Name. Dabei geht dem Mittelrheintal so ziemlich jeder Glamour-Faktor ab. Martialische Burgen und Ruinen an den steilen und schroffen Abhängen; kleine, an die Biegungen des Rheines hingeworfene Orte; uralte Weinberge; Menschen, die sich genügen und gar nicht gefallen wollen. Es wird ruhig auf der Strecke, wenn nicht die ewig lärmenden Güterzüge diese wirklich einzigartige Region immer wieder so unwirsch zerschneiden würden. Dabei scheint irgendwie trotzdem die Zeit unvergänglich. Stimmen, die nachhaltig aufrütteln wollen, sprechen gelegentlich vom 'Mief der 70iger'. Ja, die Region hat in der Tat Potential. Ihr Kapital ist eben diese zeitlose und unverfälschte Schönheit, die sich dem entspannten Betrachter bei einer gemütlichen Boots-Partie von Rüdesheim bis St. Goarshausen darbietet. Auf der Fahrt vorbei an Assmannshausen, Kaub, Bacharch, Oberwesel und St. Goar - überall mächtige Burgen und markante Kirchen, viel zu groß für die heutigen Gemeinden. Man kann die vielen Schlachten und Kriege, die manchmal das Wasser des Rheins rot färbten, erahnen. Könige, Fürsten, Bischöfe und Feldherren kämpften um jeden Flussabschnitt. Mal miteinander, mal gegeneinander - je nach aktuellem Feind. Einer dieser Feldherren war der Ritter Johann Hilchen von Lorch. Diesem kaiserlichen Feldmarschall haben wir das wunderbare Hilchenhaus in Lorch zu verdanken. Hervorragend restauriert, wo man es ansonsten mit dem Denkmalschutz im Mittelrheintal nicht so genau nimmt.

Lorch! Ein verwunschenes Kleinod am Rhein. Immer wieder Ort großer Geschichte und doch immer wieder von eben dieser vergessen. Selbst nach dem I. Weltkrieg gehörte es zu keiner Besatzungszone. Kurzerhand gründeten mutige Männer einen eigenen Staat - den Freistaat Flaschenhals. Was heute lustig und verschroben klingt, beendeten die Franzosen 1923 gewaltsam. Marokkanische Hilfstruppen besetzten Lorch. Im Zentrum der kleinen Stadt, die als erste im Rheingau mit Mauer, Türmen und Burg befestigt war, erhebt sich die Kirche St. Martin. Abseits der Touristenströme lohnt sich ein Besuch. Der Hochaltar aus dem Jahr 1483 ist ein außergewöhnliches Kunstwerk. Unterhalb der Kirche liegt das Weingut Graf von Kanitz. Ursprünglich gehörte es dem Staatsmann und Reformer Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein. Seine Mutter war die Eltvillerin Henriette Karoline Langwerth von Simmern. Die Welt ist klein. Seit 1926 ist das Weingut in direkter, wenn auch durchaus komplizierter, Erbfolge im Besitz der Familie von Kanitz, denen auch alle anderen Güter des Reichsfreiherrn gehören.

Familiär geht es im ökologisch zertifizierten VDP-Weingut zu. 13,5 ha bewirtschaften Jens Pape und sein Team. Sie machen kein Gedöns, der Rheingauer sagt 'Gedeeds'. Ihre Profession sind gute, unverwechselbare, lagerfähige Weine. Das gelingt ihnen sehr gut. Viele, hervorragende Bewertungen und Auszeichnungen belegen es. Gleichwohl ist das Weingut immer noch ein Geheimtipp. Man fährt eben nicht einfach so nach Lorch. Man muss es wollen! Dabei begleiten die gutseigenen Weinberge z. B. in der Pfaffenwies schon bei der Anfahrt. Hier kommt die 2015er Lorcher Pfaffenwies Riesling Auslese VDP.ERSTE LAGE her. Ein großer Wein! Oder die Weine aus dem Lorcher Kapellenberg, benannt nach der ehemals hier stehenden St. Markus Kapelle. Lösshaltige Schieferverwitterungen prägen den Boden. 3,5 ha sind dort im Besitz des Weinguts. Und aus dieser Lage kommt auch mein Lieblingswein:2016er Kapellenberg Riesling Kabinett VDP.GROSSE LAGE. Ein wirklich fetter Kabinett, komplex und vielschichtig, noch ein wenig verspielt, volle Fruchtaromen und dezente Säure. Preis: 9,90 Euro/0,75 l ab Weingut. Ein Wein, der noch in Jahren viel Freude bereiten wird.

Mehr Infos unter www.weingut-kanitz.de



Freitag, 28. Juli 2017

Drei Weine für Trump, Erdogan und Putin

Sind wir noch im Sommerloch? Die Autobauer haben ein Kartell gebildet. Das ist ja mal eine ganz neue Erkenntnis und Geschichte. Früher, ja früher, da gab es wenigstens noch richtige Sommerloch-Themen. Mallorca als 12. oder 17. Bundesland, 5,00 Euro für den Sprit, Gammelfleisch – oh, Verzeihung, Gammelfleischskandale gab es eher immer im Winter, da wird ja auch nicht gegrillt. Aber, selbst die Straßenschlachten beim G20-Gipfel eignen sich scheinbar nicht für ein fortwährendes Thema im Sommer, von den Beschlüssen der 20 Mächtigen dieser Welt ganz zu schweigen.

Nähern wir uns doch einfach wieder unseren Lieblingsfeinden: Trump, Erdogan, Putin und Konsorten. Gerade an Trump und Erdogan arbeiten sich die Deutschen Medien ja regelrecht ab, beim SPIEGEL muss es ein eigenes 24-Stunden-Trump-Einsatzteam geben. Da fällt mir doch ein Zitat von Mark Twain aus seinem Buch 'Bummel durch Deutschland' ein: „Meiner Ansicht nach stiftet eine deutsche Zeitung keinen nennenswerten Nutzen, allerdings richtet sie auch keinen Schaden an. Das ist ein sehr großes Verdienst und sollte nicht als unbedeutend erachtet werden.“

Die drei Staaten- und vermeintlichen Weltenlenker trinken wahrscheinlich gar keinen Alkohol, machen schoppenfreie Politik. Dies wäre den Friedensnobelpreisträgern Churchill und Brandt nie passiert. Und unser erster Bundespräsident Theodor Heuss hätte solche Politdarsteller gar nicht erst empfangen. Bruno Kreisky hingegen hätte sie noch nicht einmal ignoriert. Wunschdenken im verregneten Sommerloch. Bestimmt. In der Politik darf der Gesprächsfaden nie abreißen. Wichtig!

Also, was machen wir mit den drei Kameraden? Ich empfehle ihnen einfach drei Weine. Natürlich beginne ich mit dem Präsidenten einer ehemaligen britischen Kolonie, Donald Trump. Er hat ja jetzt einen neuen Kommunikationsdirektor, Anthony Scaramucci. Jener hat erst kürzlich, damit er eine Regierungsaufgabe übernehmen kann, sein Unternehmen verkauft. An Chinesen. America first! Darauf muss man erst einmal kommen.

Empfehlen möchte ich den beiden für ein Briefing einen Rheingauer Wein. Der 3. Präsident und Autor der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, war ein bekennender Freund Rheingauer Weine. Wie Trump hatte auch Jefferson deutsche Wurzeln. Warum Jefferson am Mount Rushmore verewigt ist, darüber könnte der amtierende US-Präsident vielleicht einmal bei einem 2015er Hochheimer Königin Victoriaberg Riesling Trockenbeerenauslese VDP.Grosse Lage aus dem Weingut Flick in Wicker nachdenken. Fürwahr, ein Jahrhundert-Wein, mit großer Aromenvielfalt, edler Süße. zugleich doch noch irgendwie verschlossen, mit geradezu majestätischer Substanz. Ein Wein der noch in Jahrzehnten seine positive Wirkung nicht verfehlt. Der Weinberg ist eine Monopollage, benannt nach Queen Victoria, die hier mit ihrem Gatten 1845 weilte. Der deutsche Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha hatte nicht nur die Organisation der ersten Weltausstellung 1851 in London übernommen, er ist auch für seine Sorge um die Arbeiterschaft bekannt. Brandsichere Arbeiterwohnungen mit Wasserleitungen und Toiletten wurden auf seine Initiative hin errichtet – der geneigte Leser schmunzelt, damals geradezu eine soziale Revolution.

Kommen wir zu meinem speziellen Freund, Recep Tayyip Erdoğan. Ihm empfehle ich einen Wein aus dem Weingut Bibo-Runge:
2015er Rheingau Riesling Revoluzzer trocken
Der Wein, in Ruhe im Halbstück gereift, präsentiert sich mit intensiven Aromen, frisch und zugleich mit einem wunderbaren Säurespiel, voller Kraft und doch dezent. Langlebig! Das noch junge Weingut sitzt in Hallgarten. Hier lebte und wirkte Adam von Itzstein (1775 – 1855), der „Vertreter der Volksrechte“. In Mainz studierte er zusammen mit seinem späteren Gegner Klemens Wenzel von Metternich. Itzstein kämpfte für Bürgerrechte und Demokratie. Engagiert beim Hambacher Fest, mutig in Baden, lenkend in der Nationalversammlung und immer ausgleichend, bezeichnet ihn Metternich als ersten „eigentlich praktischen Radikalen.“ 1838 formuliert Adam von Itzstein einen noch heute gültigen Satz zur Pressefreiheit: „Ohne Preßfreiheit giebt es gar keinen wahren Staat, sondern bloß einen großen Volkskerker, den einzelne Bevorrechtigte nach Belieben öffnen und schließen können.“
 
Wie komme ich jetzt auf Wladimir Wladimirowitsch Putin? Dem russischen Fürsten würde ich einen 2012er JUWEL Spätburgunder QbA trocken aus der Krone in Assmannshausen einschenken. Gewachsen auf Burgunderreben in den Lagen Höllenberg und Frankenthal. Beeindruckend und voller Eleganz, samtig und seidig, man riecht und schmeckt Waldfrüchte, Nüsse, Kakao, Nougat, Schokolade und Bourbon Vanille. Ein echtes Kraftpaket. Das Hotel Krone in Assmannshausen ist eine traditionsreiche Adresse. Seit 1541. Kaiser, Könige und große Staatsmänner kehrten hier ein. Lange weilte auch der Freiheitsdichter Hermann Ferdinand Freiligrath (1810 – 1876) im Haus. Ein Zimmer erinnert noch heute an ihn. In seinem Gedicht „Trotz alledem!“ heißt es:

Die Waffen, die der Sieg uns gab,
Der Sieg des Rechts trotz alledem,
Die nimmt man sacht uns wieder ab.“

Und an anderer Stelle:

Wir wissen doch: die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!“

Ich gebe es zu, mit den genannten Potentaten unserer Zeit möchte ich gar keinen Wein trinken. Sie haben keine Ahnung von Klasse und Stil.